Nachrichten aus dem Bereich Pädagogik und Rehabilitation bei Menschen mit geistiger und komplexer Behinderung :

Abendgespräch: „Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) - Schutzraum für einen vulnerablen Personenkreis oder rechtswidrige Exklusion?“




Am Donnerstag, den 15.12.2022 fand an der Humanwissenschaftlichen Fakultät ein Abendgespräch zum Thema „Werkstatt für behinderte Menschen - Schutzraum für einen vulnerablen Personenkreis oder rechtswidrige Exklusion“ statt. Hierfür hatten Dr. Caren Keeley und Annalena Ziemski vom Lehrstuhl für Pädagogik und Rehabilitation bei Menschen mit geistiger und komplexer Behinderung Gäste eingeladen, welche von eigenen Erfahrungen und Perspektiven auf die Institution Werkstatt berichteten und zu Statements von Studierenden, welche im Vorfeld gesammelt wurden, diskutierten. Zu den Gästen zählten mit Laura Loscheider und Lukas Krämer auch zwei Selbstvertreter:innen, die sich in ihrer eigenen Biografie mit der Institution WfbM auseinandersetzen. Vor und mit ca. 100 Teilnehmenden wurde 90 Minuten Perspektiven verdeutlicht, offen Fragen geklärt und kritische Aspekte diskutiert.

Nach einer kurzen Einführung in das Thema eröffnete der Geschäftsführer der Dürener Rurtalwerkstätten, Ralf Turk die Gesprächsrunde. „Wenn es die Werkstatt nicht gäbe, müsste man sie erfinden“ erklärte er. Die Notwendigkeit der Werkstätten konstituiert sich aus der Perspektive von Ralf Turk vor allem daraus, weil die Gegebenheiten auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nicht den Voraussetzungen von vielen Werkstattbeschäftigten entsprechen – die Anforderung der Arbeitsleistungen, welche in einer bestimmten Zeit erbracht werden müssen, können von diesem Personenkreis so nicht erfüllt werden. In den von ihm geleiteten Rurtalwerkstätten ginge es im Gegensatz dazu darum, eine individuell passende Tätigkeit zu finden, ohne dem Leistungsdruck einer kapitalorientierten Gesellschaft ausgesetzt zu sein, viele seiner Beschäftigten kämen sehr gerne in die Werkstatt, sagte er.

Laura Loscheider, die sich in Köln als Kommunalpolitikerin der Partei Volt für Inklusion einsetzt, positionierte sich hier anders - sie habe nur auf Druck ihres Umfeldes und wegen der fehlenden Alternativen nach der Schule im Berufsbildungsbereich einer Werkstatt begonnen. Die dort angebotenen Tätigkeiten wie das Sortieren von Schrauben, Hauswirtschaft oder Gartenbau „waren nichts für mich“. Das Gefühl, dass ihr individualisierte Angebote entsprechend ihrer beruflichen Wünsche gemacht wurden, hat sie nicht. Heute arbeitet sie auf einem Außenarbeitsplatz einer Kölner WfbM bei einem großen Möbelhaus und wünscht sich, hier fest übernommen zu werden. Die Umsetzung dieses Wunsches gestaltet sich bis jetzt allerdings schwer - alle Termine zwischen den zuständigen Betreuer:innen der WfbM und dem Möbelhaus finden beispielsweise ohne Beteiligung von Frau Loscheider statt.

Dr. Caren Keeley bekräftigt die Forderungen von Laura Loscheider, dass Werkstatt sich weiterentwickeln muss, weist in diesem Zusammenhang allerdings besonders darauf hin, dass Menschen mit komplexen Behinderungen in der Debatte um die WfbM häufig vergessen werden. In ihrer Forschung setzt sie sich deshalb schwerpunktmäßig mit der Frage auseinander, wie berufliche und Erwachsenenbildung auch für diesen Personenkreis ermöglicht werden kann und arbeitsweltbezogene Angebote gestaltet werden können. Sie plädiert dafür, dass handlungsleitend bei der Weiterentwicklung der WfbM die Perspektiven und Wünsche der, in der WfbM Beschäftigten sein müssen und fordert mit Verweis auf ein Positionspapier der Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V. eine höhere Durchlässigkeit der Institution WfbM.

Lukas Krämer, der früher selbst in einer WfbM beschäftigt war, engagiert sich jetzt für Mindestlöhne in Werkstätten für behinderte Menschen und ist in verschiedenen sozialen Medien präsent. Aus seiner Perspektive gehören WfbM abgeschafft und er sieht hier auch kein Entwicklungspotential. Das geringe Entgelt sei eine Ausbeutung der Arbeitskräfte, es müsse Mindestlohn bezahlt werden, so seine Meinung. Allen Beschäftigten der Werkstatt, welche mit ihrer derzeitigen Situation unzufrieden sind, empfiehlt er zu kündigen und die Institution zu verlassen. Anhand seines eigenen Werdegangs beschreibt er, dass dies möglich ist: nach einer kurzen Zeit der Beschäftigung in einer Werkstatt kündigte er und machte sich selbstständig.

In der abschließenden offenen Diskussion wurden weitere persönliche und politische Perspektiven zum Thema ausgetauscht, so dass ein breiter Ein- und Überblick gelang. Das Format soll zukünftig fortgesetzt und „inklusiv“ angelegte Gesprächsrunden häufiger stattfinden.
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