Prof.in Dr. Gudrun Hentges - Promotionen und Habilitationen

Politikwissenschaft, Bildungspolitik und politische Bildung

Habilitationsprojekt Dr. Ilker Ataç
Making Citizenship: Rights, Policies and Agency - abgeschlossen

This habilitation brings together ten research articles that investigate migrants’ access to rights and welfare benefits, migration policy-making and discourse, as well as migrant political mobilization and activism. The overarching interest that guided this research is to understand what I term the making of citizenship for non-citizens, i.e., the manifold and dynamic mechanisms that shape the construction of citizenship. I put a particular focus on the dynamic and relational aspects, arguing that the making of citizenship can only be understood by investigating the relations in which these processes are embedded. I investigate three dimensions of citizenship-making: (1) a rights-based approach to citizenship, in which I incorporate more recent theorising on street-level bureaucracy and a human rights approach to migrant rights, in order to analyse the expansion and contraction of rights; (2) a discussion of citizenship through policy-making processes, focusing on the discursive construction of human rights, symbolic policy-making and the role of multi-level governance architectures; as well as (3) an investigation of political mobilisation of regular and irregular migrants as well as solidarity movements through a perspective of acts of citizenship. The empirical work that the articles in this habilitation are based on consists of a variety of case studies, conducted with the use of qualitative research methods. Overall, the studies and research projects in this habilitation highlight the relevance of the dialectics inherent to the dynamic process of citizenship-making and the relational character of their negotiation.

 

Dissertationsprojekt Katharina Böttcher - abgeschlossen 2019
Sprache - Arbeit - Integration? Eine kritische Untersuchung des Integrationskurses unter besonderer Berücksichtigung der konkreten Unterrichtspraxis mit Migrantinnen in Hamburg

Erstgutachterin: Prof. Dr. Manuela Westphal, Universität Kassel
Zweitgutachterin: Prof. Dr. Gudrun Hentges, Universität zu Köln

Forschungsgegenstand der Dissertation ist der 2005 mit dem Zuwanderungsgesetz eingeführte Integrationskurs. Ziel ist die Analyse desselben von der Gesetzesgrundlage, über die konzeptionellen, ökonomischen und institutionellen Bedingungen bis hin zum konkreten Unterricht und seinen direkten Einflussfaktoren. Mit der Methode der immanenten Kritik sollen Widersprüche zwischen den einzelnen Verantwortungsebenen aufgedeckt werden.
Die Doktorandin, die seit 2006 selbst als Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache insbesondere in Frauen-Integrationskursen tätig ist, beobachtet seit vielen Jahren immer wiederkehrende Probleme im Sprachunterricht, die massive Auswirkungen auf einzelne Kursteilnehmerinnen, Lehrende und den gesamten Sprachkurs haben. Empirische Grundlage der Arbeit ist ein von der Autorin geleiteter Frauen-Integrationskurs. Drei zentrale Beobachtungen bilden den Ausgangpunkt ihrer Forschung: Eine sehr hohe Fluktuation aufgrund von Kursabbrüchen, hohe Fehlzeiten sowie geringe Lernzuwächse bei der Mehrheit der Kursteilnehmerinnen mit der Folge, dass das Mindestsprachziel nicht oder nur knapp erreicht wird. Die Forschungsfrage lautet: Welcher Ursachenkomplex liegt diesen Phänomenen zugrunde?
Die Analyse des Sprachunterrichts, der Kursstatistiken des Bundesamtes für Migration, der Rahmenbedingungen des Integrationskurses sowie die Auswertung zwölf qualitativer Interviews mit Kursteilnehmerinnen verdeutlichen, inwiefern die oben genannten Probleme strukturelle Ursachen haben und keinesfalls allein bei einzelnen Individuen oder Institutionen liegen.

 

Dissertationsprojekt Johanna Bröse
Solidaritätsstrukturen als Gegenentwurf zu autoritärem Populismus
in Deutschland und der Türkei

Erstgutachterin: Prof. Dr. Gudrun Hentges

Im Zentrum der Arbeit stehen zum einen die Frage nach Solidaritätsstrategien in ‚Prekaritätsprotesten‘ (Judith Butler) und zum anderen Elemente und Entwicklungen rechter und autoritärer Populismen in Deutschland und der Türkei, auf welche die Proteste ‚antworten‘. Wie reagieren die Beteiligten auf rechtspopulistische und autoritäre Deutungsmuster und Praxen, die sich unterschiedlich manifestieren: Sei es in Gestalt der Aktivitäten von Parteien oder rechten Gruppierungen innerhalb und außerhalb der Parlamente oder sei es in Gestalt der autoritär populistischen Regierungspolitik in der Türkei? Welche Formen von Solidarität werden in der Auseinandersetzung mit entsprechenden Politiken entwickelt, und welche Bindeelemente können dabei ausgemacht werden? Zusammengefasst geht es um die Frage, welche Formen einer solidarischen „Klassenpolitik" (Keeanga Yamahtta Taylor u.a.), die sich intersektionell und bewegungsübergreifend aufstellt, sichtbar werden (können), vor allem in Konfrontation mit einem zunehmend autoritären Populismus. Und nicht zuletzt: Welche Schlüsse lassen sich aus diesen Befunden für eine daran anknüpfende politische Bildung ableiten?
Zunächst geht es um die theoretische Begriffsarbeit vor allem mit Blick auf das Konzept des autoritären Populismus (Stuart Hall u.a.) und hinsichtlich der Entwicklung eines autoritär-protektionistischen Neoliberalismus (Nancy Fraser u.a.). Ferner bedarf es einer theoretischen Auseinandersetzung mit dem für diese Arbeit zentralen Begriff der (klassenbewussten) Solidarität. Zur Vertiefung werden Unterschiede und Brüche des autoritären Populismus in den beiden Ländern herausgestellt. Diese Herangehensweise wird ergänzt um eine Darstellung, wie der autoritäre Zugriff auf die Gesellschaft solidarisch bekämpft werden kann und derzeit bekämpft wird. Dazu werden bisherige Studien und Darstellungen von Gegenbewegungen und Protesten rezipiert und es werden Anknüpfungspunkte für die eigene Forschung herausgearbeitet. Vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Ausprägungen an rechtspopulistischer bzw. rechtsautoritärer Dominanz in Deutschland und der Türkei soll durch die Analyse von Protesten rekonstruiert werden, welche Praktiken den Zugriffen von rechts entgegengesetzt werden und welche kollektiven Handlungsstrategien auf Basis der jeweiligen sozialen und ökonomischen Lage entstehen können. Empirisch soll danach gefragt werden, welche Solidaritätsentwürfe und -praktiken entwickelt, praktiziert oder auch konfliktär verworfen werden. Ferner soll untersucht werden, ob - und wie - es gelingen kann, Solidarität als Praxis jenseits von Nationalzugehörigkeit, Identität oder weiteren Ressourcen zu etablieren.
Ich werde in Berlin, München und im ostdeutschen ländlichen Raum sowie in Istanbul, Ankara und Antakya Proteststrukturen analysieren und diese in die Protesthistorie des jeweiligen Kontexts einbetten. Mittels teilnehmender Beobachtung sowie jeweils zwei bis drei Interviews mit Einzelpersonen und Focus Groups untersuche ich Handlungspraxen und Diskurse. Ergänzend werde ich Veröffentlichungen der Akteur_innen analysieren, sowie Stellungnahmen und Diskussionen der Beteiligten usw., die sich innerhalb der Bewegungen und Strukturen artikulieren. Neue kollektive Formen der Subjektivierung und des ‚Aufbegehrens‘ gegen die sozialen Folgen der autoritären Krisenbewältigung werden sichtbar und begrifflich fassbar gemacht und es wird danach gefragt, welche Anknüpfungspunkte diese auch für andere solidarische gesellschaftliche Prozesse haben können.

 

Dissertationsprojekt Thorsten Eggers - abgeschlossen 2021
Wutbürger - ihre Erscheinungsweisen und Funktionen im mediopolitischen Diskurs über Stuttgart 21 und Pegida. Eine diskursanalytische Rekonstruktion der Bedeutungen und Bedeutungsverschiebungen der Wutbürger-Figur in der massenmedialen Berichterstattung

Erstbetreuerin: Prof. Dr. Gudrun Hentges, Universität zu Köln
Zweitbetreuer: Prof. Dr. Fabian Virchow, Hochschule Düsseldorf

Ausgehend von der Hochphase der politischen Proteste gegen den Tiefbahnhof in Stuttgart in den Jahren 2010 bis 2012 sowie vom ersten Jahr der Pegida-Demonstrationen in Dresden ab dem Jahr 2014 wird in der Dissertation die Figur der Wutbürger untersucht. Dabei wird insbesondere die Frage danach gestellt, im Rahmen welcher Bedeutungen und Funktionen die Wutbürger-Figur im unmittelbaren und abstrakteren politischen Kontext diskursiv erscheint und welche Implikationen dies für die politisch-begriffliche Dynamik der untersuchten Zeiträume als auch der Zeiträume danach birgt. Um die Erscheinungsweisen und Funktionen der Wutbürger-Figur adäquat diachron rekonstruieren zu können, wird auf erkenntnistheoretischer Basis der Diskurstheorie von Michel Foucault sowie Ernesto Laclau / Chantal Mouffe die sich an der Interdiskursanalyse Jürgen Links orientierende Kritische Diskursanalyse nach Siegfried Jäger angewandt. Dafür werden insgesamt vier regionale und zwei überregionale Tageszeitungen als Datenmaterial herangezogen und hinsichtlich des Erscheinens der Wutbürger-Figur während der Untersuchungszeiträume befragt. Nach einer Analyse der einzelnen Diskursstränge bzw. der einzelnen regionalpolitischen Debatten/Ereignisse und ihrer überregionalen Wirkung wird der Gesamtdiskurs zur Wutbürger- Figur übergreifend rekonstruiert und in einem abstrakteren politischen und begrifflichen Zusammenhang betrachtet. Dies geschieht auch unter Bezugnahme auf und in Auseinandersetzung mit bereits veröffentlichte/n Forschungen und aktuelle/n sozialwissenschaftliche/n Theorien zum Phänomen Wutbürger bzw. Bürgersein sowie zur (Post-)Demokratie im Zusammenhang mit der (Wut-)Bürger-Figur. Ziel der analytischen Arbeit ist eine detaillierte Beschreibung der unmittelbaren sowie abstrakteren Umstände, die zu bestimmten Verständnissen und Erscheinungsweisen von Wutbürger*innen als Teil der Bürger*innen führen. Zudem wird betrachtet, wie schließlich zum Teil rassistisch-militante Positionierungen und Handlungen im Rahmen der Wutbürger-Figur als zwar wütend und pervertiert, aber dennoch im Kern bürgerlich gelten können und wie dies mit hegemonialen Bürgerbegriffen in Zusammenhang steht.

 

Dissertationsprojekt Thorsten Fehlberg, MA
Rechtspopulismus in Großbritannien und Deutschland aus der Sicht von Nachkomm_innen von NS-Verfolgten

Erstgutachterin: Prof. Dr. Gudrun Hentges, Universität zu Köln
Zweitgutachterin: PD Dr. Oliver Decker, Universität Leipzig

Im geplanten Forschungsprojekt soll die spezifische Betroffenenperspektive von Nachkommen von Verfolgten des Nationalsozialismus, deren Vorfahren aus rassistischen/antisemitischen Gründen verfolgt wurden, betrachtet werden. Die Befragten sollten sich als politisch agierende Subjekte begreifen, die sich gegen Formen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit als Mitglieder (oder im Auftrag) von Nichtregierungsorganisationen engagieren. Verglichen werden soll, welche Gründe die Befragten für ihr Engagement anführen und wie sie ihren Weg ins Engagement beschreiben. Es wird ein Ländervergleich der Wahrnehmung von rechtsextremistischen und rechtspopulistischen Strömungen in Großbritannien und Deutschland aus Sicht der Befragten angestrebt. Es geht insgesamt um die stärkere Anerkennung von Betroffenenperspektiven. Denn durch die Nichtanerkennung der Betroffenenperspektive kommt es zum Ausschluss von Gruppen, die bspw. von Rassismen betroffen sind.
  

Habilitationsprojekt Dr. Daniel Keil
(Neu)Rechtes Europa? Die Bedeutung von Europavorstellungen im Erstarken (neu)rechter Bestrebungen im Kontext der politischen Krise der Europäischen Union

Der Europäischen Union stehen im Kontext ihrer gegenwärtigen tiefen Krise und angesichts vermehrter Desintegrationstendenzen entscheidende Jahre bevor. Die Desintegrationstendenzen resultieren nicht allein aus den demokratietheoretisch problematischen Dynamiken innerhalb der bestehenden Institutionen. Es ist vor allem das Erstarken (neu)rechter Bewegungen und Parteien in weiten Teilen der Union, die deren Fortentwicklung und Bestand gefährden. Dabei sind die Erfolge (neu)rechter Kräfte nicht beschränkt auf Wahlerfolge bis hin zu Regierungsbeteiligungen auf nationaler Ebene, wie zuletzt in Österreich. (Neu)Rechte Akteur*innen haben zudem auf europäischer Ebene vielfache Vernetzungen etabliert, die über punktuelle Kooperationen weit hinausgehen. Zentral für diese Kooperationen ist ein (neu)rechts-völkisches Gegenbild von Europa. Die Frage, welche Bedeutung den (neu)rechten Kooperationen in Europa und ihren völkischen Europavorstellungen für zentrale europäische Politikfelder zukommt, steht im Mittelpunkt des vorliegenden Projekts.
Das Forschungsvorhaben zielt darauf ab, ein integrales Verständnis des Erstarkens (neu)rechter Bewegungen und Parteien im Kontext der politischen Krise der Europäischen Union zu gewinnen. Das bedeutet die politische Krise mit ihren desintegrative Tendenzen als gesellschaftliches Konfliktfeld zu begreifen, auf dem das strategisch-aktive Handeln (neu)rechter Akteur*innen gewichtiger Bestandteil der Neuformierung gesellschaftlicher Interessengruppen ist. Dabei ist die Bedeutung der Europäischen Union und (neu)rechter Europa-Narrative für das Handeln und Denken neurechter Akteur*innen in ihrem Einfluss auf andere gesellschaftliche Gruppen zu berücksichtigen. Auf dieser Grundlage können die konflikthafte Veränderung von Politikfeldern und deren Auswirkungen auf antidemokratische und Desintegrationstendenzen untersucht und analysiert werden.

Nur durch eine Bezugnahme auf die politische Krise der EU ist es möglich, das Erstarken (neu)rechter Bewegungen und Parteien in angemessener Weise zu verstehen. Mit diesem Ansatz soll eine hochproblematische Forschungslücke geschlossen werden. Auf der einen Seite mangelt es an Analysen, die die Reaktion und Strategien (neu)rechte Akteur*innen im Kontext der jüngeren Desintegrationstendenzen der EU in den Blick nehmen, was auf der anderen Seite damit zusammenhängt, dass die Rechtsextremismus- und Nationalismusforschung die europäische Ebene weitgehend ausblendet.
Die für dieses Unterfangen notwendigen theoretischen Grundlagen finden sich erstens in der kritischen Europaforschung, die theoretisch und empirisch Politikfelder als Konfliktfelder analysiert und dadurch Desintegrationstendenzen fundiert erklären kann. Ergänzt wird dies zweitens durch Ansätze der Rechtsextremismus- und Nationalismusforschung, die ebenfalls wichtige theoretische und empirische Erkenntnisse, insbesondere zu Themen, Ideologien und Traditionslinien (neu)rechter Akteur*innen, zum Forschungsgegenstand beitragen können.
Methodisch werden die Ziele des Forschungsvorhabens durch ein mehrstufiges qualitatives Verfahren erreicht. In einer Kombination aus historisch-materialistischer Politikanalyse und interpretativer Netzwerk- und Politikanalyse wird erstens die politische Krise der EU als Kontext analysiert. Zweitens werden europäische Vernetzungsknoten (neu)rechter Akteur*innen recherchiert und die Bedeutung (neu)rechter Europavorstellungen in und für diese Vernetzungen untersucht. Drittens wird in einer Fallstudie zur europäischen Migrationspolitik - mit dem Schwerpunkt auf der Regulation von Zwangs- und Fluchtmigration - deren Konfliktkonstellation seit 2015 bestimmt und untersucht, inwiefern (neu)rechte Akteur*innen spezifisch in diesem Feld europäische Vernetzung betreiben und die Diskursformation des Feldes verändern. So wird sowohl die Bedeutung der EU für (neu)rechte Bewegungen und Parteien sichtbar, und zugleich deren Wirkung in den Konfliktprozessen und auf die Konstitution der Politikfelder deutlich.
Um dieses Vorgehen forschungspraktisch handhabbar zu machen, wird die Wirkung transnational-europäischer Elemente des (neu)rechten Nationalismus auf dem Feld der Migrationspolitik am Fallbeispiel der europäischen Dimension deutscher Migrationspolitik untersucht. Durch dieses Vorgehen werden (Rück-)Wirkungsverhältnisse zwischen europäischer und nationaler Ebene und transnational-europäischen und genuinen Nationalismen sichtbar. Insgesamt sollen induktiv Erkenntnisse gewonnen werden, die Thesen über deren Verallgemeinerung erlauben.

 

Dissertationsprojekt Anna-Lena Kökgiran
Postmigrantische Akte der Bürgerschaft. Neue Aushandlung von Mitgliedschaftskonzeptionen und Ethnizität in der Migrationsgesellschaft

Erstgutachter: Prof. Dr. Matthias Bös, Leibniz Universität Hannover
Zweitgutachterin: Prof. Dr. Gudrun Hentges, Universität zu Köln

Untersuchungsgegenstand der soziologisch-theoretischen und qualitativ empirischen Arbeit sind die „Neuen Deutschen Organisationen" (NDO), ein Netzwerk von Vereinen und Initiativen, die sich von der bisherigen Selbstbeschreibung klassischer Migrantenselbstorganisationen distanzieren und sowohl allochthone als auch autochthone Mitglieder haben. Die gemeinsame Positionierung als „Neue Deutsche" („Deutschsein als Haltung") und die damit einhergehende Ablehnung der Anru-fung als migrantisches Subjekt ist für die NDO der Ausgangspunkt einer Artikulation von Forderun-gen, die auf Anerkennung von „symbolischer Mitgliedschaft"(vgl. MECHERIL 2003) und dem Recht auf Selbstverortung basieren. Die Forschungsfrage ist, warum und mit welcher Zielsetzung und Resonanz die Subjektpositionierung als „Neue Deutsche" gewählt wurde und inwiefern der „machtvolle Begriff" (ENGEL 2007) nationaler Mitgliedschaft - „Deutschsein" - angeeignet, transkodiert und im Prozess ausgehandelt wird. Kann eine Identitätsperformanz als „Neue Deutsche" als artikulatorische Praxis (vgl. LACLAU / MOUFFE 1996) und als ein „Akt der Bürgerschaft" (vgl. ISIN 2008) interpretiert werden, der durch die Neu-Aushandlung von Mitgliedschaft emanzipierend für seine Akteure wirkt und das Potential innehat, bestehende (nationale) Ethnizitätsvorstellungen zu hinterfragen?
Das Promotionsvorhaben untersucht im Sinne einer kritischen Migrationsforschung die hegemoniale „Ver-Ortungslogik" (MECHERIL/THOMAS-OLALDE/MELTER/ARENS/ROMANER 2013:27) und die aneignenden Möglichkeiten der Selbstverortung von Subjekten, die im machtvollen Zugehörigkeitskontext eines „natio-ethno-kulturellen Wir" (vgl. MECHERIL 2003) als „disponierte und disponierende Subjekte" (vgl. LINK 2007) auftreten. Das Vorgehen der NDO in seinen Bedingungen und Konsequenzen (Akteure und Dialogpartner) wird mit den aktuellen Ansätzen der Citizenship-Studies (ISIN / NYERS, ISIN) und aus hegemonie-, bzw. subjekttheoretischer Perspektive (LACLAU / MOUFFE, BUTLER, SPIVAK, HALL) interpretiert. Die Verbindung der theoretischen Ansätze ermög-licht es der Frage, ob und inwiefern welche erfolgreichen Subjektivierungsprozesse mit einem spezifischen emanzipatorischen und handlungsermächtigenden Potential verknüpft sind, nachzugehen.
Inhaltlich fokussiert die Arbeit anhand des aktuellen Vorgehens der NDO, wie durch strategische Positionierung innerhalb des „Integrationsdispositivs" (vgl. MECHERIl 2011) bzw. „Ausländerdispositivs" (MECHERIL / RIGELSKY 2007) eine politische Praxis möglich ist, die eine (Neu-)Konzeption eines sozial projekthaften (statt eines biologisierten) Verständnisses von Bürgerschaft unterstützt. Das emanzipatorische Potential, das in der Verbindung von Diskurs, Subjekt und Handlungsmacht liegt (vgl. LACLAU / MOUFFE, BUTLER, SPIVAK, HALL) und an bestimmte sozial-historische und auch politische Bedingungen geknüpft ist („Dislokation"), wird als aktuelle politische Praxis untersucht, durch den empirischen Charakter der Arbeit inhaltlich bestimmt und in seinen (möglichen und tatsächlichen) Auswirkungen für die Akteure beleuchtet.

 

 
Dissertationsprojekt Gürcan Kökgiran- abgeschlossen 2018
Mikropolitik des Alltagsgespräches - Über die kommunikative Konstruktion des »Anderen« in alltäglichen face-to-face Interaktionen. Methodologische, methodische, epistemologische und inhaltliche Aspekte einer feldorientierten Forschung im Bereich »verdeckter gruppenbezogener Einstellungen«

Erstgutachter: Prof. Dr. Udo Kelle, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg
Zweitgutachterin: Prof. Dr. Gudrun Hentges, Universität zu Köln

Gewalt in Alltagssprache ist in ihrer kommunikativen Grundstruktur schon alleine durch eine hierarchische Ordnung symbolischer Wissensbestände semiotisch und kognitiv in Form von „deep seated frames" (GEORGE LAKOFF) eingelagert und wird tagtäglich im Stile einer „diskursiven Performativität" (JUDITH BUTLER) (re-)produziert. Hierbei fungieren (wiederkehrende) sprachliche Zuschreibungspraktiken über Menschengruppen als „Marker" (BONN, KNÖPPLER & SOUZA), die ständig etablierte Vorstellungen über Identität, Zugehörigkeit, Normalität und Devianz aufrechterhalten (sollen). Alleine über ihre Art und Weise der Anwendung und ihr evokatives Potential (in beispielsweise metaphorischen Feindbildvorstellungen) vermögen bestimmte Sprachfigurationen hierarchische Ordnungen einer Gesellschaft und ihrer Geschichte heraufzubeschwören und schaffen als hegemoniale Praktiken von Ungleichheitsvorstellungen gesellschaftliche Asymmetrien.
Diese verletzenden Sprechakte stellen als Gegenstand einer empirischen Vorurteilsforschung eine besondere Herausforderung dar, denn sie finden in der öffentlichen Anonymität einer sogenannten Alltäglichkeit statt, in der die offensichtliche Anwesenheit des Forschers / der Forscherin selten willkommen ist. Diese Dissertation fokussiert die Distinktionspraktiken und Formen performativer Gewalt in der Alltagssprache. In diesem Zusammenhang arbeitet der Doktorand die Anrufungsperspektiven verletzender Sprache heraus, indem er aufzeigt, wie diskursive Differenzierungsprozesse zu diskriminierender Vergegenständlichung ihrer Subjekte und zu diversen Verletzungsdimensionen der Adressatinnen und Adressaten führen.

https://edoc.sub.uni-hamburg.de/hsu/volltexte/2019/3239/

 

 
Dissertationsprojekt Felix Korsch
Bewegung(en) von rechts: Emergenz, Inhalte und Akteure der Protestserie „Pegida" in Sachsen, 2014 bis 2016

Erstgutachterin: Prof. Dr. Gudrun Hentges, Universität zu Köln
Zweitgutachter: PD Dr. Gideon Botsch, Universität Potsdam

Entstehung, Verlaufsgeschichte und inhaltliche Charakterisierung der „Patriotischen Europäer ge-gen die Islamisierung des Abendlandes" an ihrem Hauptstandort Dresden und mit dem zeitweise größten Ableger „Legida" in Leipzig sind Ausgangspunkt dieser Forschungsarbeit: Sie soll aufzeigen, ob von einer sozialen Bewegung zu sprechen ist, welchen ideengeschichtlichen Linien diese außer-gewöhnlich stark ausgeprägte und als solche - jedenfalls im bundesdeutschen Kontext - beispiel-lose Protestserie folgt, welche programmatischen Absichten ihr zugrunde liegen und inwieweit sie dabei Einflussobjekt und Vehikel distinkter politischer Strömungen unter anderem der extremen Rechten geworden ist.
Ausgehend von einer explorativen Rekonstruktion der konkreten Entwicklungsbedingungen wird im empirischen Teil der Arbeit herausgestellt, welche Ausmaße und charakteristischen Erschei-nungsformen die Protestserie annahm. Anhand teilnehmender Beobachtungen und vorliegender Aufzeichnungen zahlreicher Versammlungen, die hinsichtlich dort in Reden vertretener Positionen der qualitativen Daten- und quantitativen Inhaltsanalyse zugänglich sind, soll die Protestagenda entlang der bereits im Eigennamen versammelten Zentralbegriffen („Abendland" et al.) und über die medienbekannten programmatischen Dokumente („Thesenkataloge") hinaus konkretisiert werden. In die Analyse einbezogen werden soll die Online-Kommunikation des Akteursnetzwerks in sozialen Medien.
Im theoretischen Teil der Arbeit ist zu zeigen, welche bewegungsförmigen Eigenschaften Pegida zuzuschreiben sind und welche Erfolgsbedingungen als erklärungskräftig gelten können für die hohe und kontinuierliche Mobilisierungsleistung, die in Dresden erzielt, jedoch augenscheinlich nicht an anderen Proteststandorten reproduziert werden konnte. Ausgehend von der konkreten thematischen und Akteurskonstellation soll Pegida darüber hinaus eingeordnet werden in rezente Diskurse und Mobilisierungsstrategien des (Rechts-)Populismus, wie sie sich zuletzt im Zusammen-hang mit einem dominanten antimuslimischen Narrativ und vor dem Hintergrund der sogenannten Asylkrise entfalteten.

 

Dissertationsprojekt Ismail Küpeli
Die „Kurdenfrage" in der Türkei: Exklusion und Vernichtung als Säulen der Nationalstaatlichkeit

Erstbetreuerin: Prof. Dr. Gudrun Hentges, Universität zu Köln
Zweitbetreuer: Dr. Kemal Bozay, Internationalen Hochschule Duales Studium, Standort Köln

Der Konflikt zwischen dem türkischen Staat und der kurdischen Bevölkerung ist einer der entscheidenden Faktoren, der die Geschichte und Gegenwart der Türkei bestimmt. Die politischen Debatten und Entscheidungen in vielen sehr unterschiedlichen Bereichen - von der Bildungs- bis hin zur Außenpolitik - lassen sich auf die sogenannte „Kurdenfrage" zurückführen. Darüber hinaus ist der Konflikt für die geschichtliche Entwicklung und für die aktuelle Lage im gesamten Nahen und Mittleren Osten bedeutend. Dies nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass kurdische Bevölkerungsgruppen in vielen Staaten existieren und politisch relevante Akteur*innen hervorgebracht haben, wie etwa in der Türkei, in Syrien und im Irak.

Bisher konzentriert sich die politische und wissenschaftliche Beschäftigung mit der „Kurdenfrage" auf die Gegenwart - ohne eine historische Perspektive. So bleiben die Verbindungen zwischen der türkischen staatlichen Homogenisierungspolitik und den kurdischen „Aufständen" in den 1920er und 1930er Jahren vielfach unterbelichtet und die möglichen Auswirkungen dieser Entwicklung für die gegenwärtige politische Lage unbeachtet. Dabei wird „Aufstände" in Anführungszeichen gesetzt, weil es sich in den meisten Fällen, die in der Literatur als Aufstände bezeichnet werden, um keine Aufstände, sondern um Militäroperationen des türkischen Nationalstaates handelt, die mit angeblichen Aufständen oder Rebellenaktivitäten legitimiert werden sollen.

Die Etablierung eines türkischen Nationalstaats, einschließlich der Schaffung einer türkischen Nation, ging einher mit der Vernichtung, Vertreibung und Marginalisierung von nicht-muslimischen und nicht-türkischen Bevölkerungsgruppen. Die Schaffung einer türkischen Nation wurde allerdings nicht nur durch Vernichtung und Exklusion vorangetrieben, sondern ebenfalls mit diskursiven Mitteln, mit Hilfe von Narrativen und Leitbildern, die der Legitimation der staatlichen Politik dienten. So wurde etwa die ethnisch-religiöse Homogenisierungspolitik durch das Narrativ der fehlenden nationalen Einheit als Hindernis für eine erfolgreiche Modernisierung legitimiert.

Das Forschungsprojekt beschränkt sich nicht auf die Analyse dieser gewaltsamen Durchsetzung von Nationalstaatlichkeit und der autoritären Schaffung einer türkischen Nation, sondern will darüber hinaus Empfehlungen und Denkanstöße für die Erinnerungsarbeit und politische Bildung formulieren. In diesem Sinne soll die politische Bildung beitragen zur Anerkennung der Pluralität und Diversität der jeweiligen Bevölkerungen, aber auch einen gesellschaftlichen Friedensprozess begleiten, bei dem die Interessen und Rechte aller Bevölkerungsgruppen berücksichtigt werden. 

 

Dissertationsprojekt Hans Leifgen - abgeschlossen 2021
Menschenrechte und das Islambild in Deutschland. Ein diskursanalytischer Vergleich medialer und politischer Darstellungen der Menschenrechtslage in muslimisch geprägten Ländern

Erstbetreuerin: Prof. Dr. Gudrun Hentges, Universität zu Köln
Zweitbetreuer: Prof. Dr. Fabian Virchow, Hochschule Düsseldorf

Medienberichte, politische Diskurse und menschenrechtliche Debatten prägen das Islambild in Deutschland mit. Die geplante Forschungsarbeit setzt sich exemplarisch sowohl mit der Menschenrechtsberichterstattung „westlicher" Medien als auch mit der der politischen Fraktionen im Deutschen Bundestag über muslimisch geprägte Länder auseinander. Im Zentrum des Interesses stehen dabei die Fragen, wie die Menschenrechtslage in muslimisch geprägten Ländern dargestellt und welcher menschenrechtliche Bezugsrahmen verwendet wird sowie welche Rolle die Religion Islam bei der Berichterstattung spielt. Hierzu werden die diskurstheoretische Perspektive Foucaults (1981) und der forschungsmethodische Zugang der Kritischen Diskursanalyse Siegfried Jägers (2015) herangezogen.

Ziel der Forschung ist, zum einen zu erörtern, ob der mediale und der politische Diskursstrang zur Menschenrechtslage in muslimisch geprägten Ländern Übereinstimmungen und / oder Parallelen aufweisen. Zu diesem Zweck wird ein Vergleich der beiden Diskursebenen vorgenommen. Zum anderen hat die Untersuchung die Intention, exemplarische Erkenntnisse über die gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen der Berichterstattung - insbesondere auf das Islambild in Deutschland - zu erhalten. Daher untersucht die Arbeit auch, wie bei der Berichterstattung Wirklichkeit konstruiert wird.

 

Dissertationsprojekt Julia Lingenfelder
Transformative Bildung - Konzepte einer politischen Bildung zur sozial-ökologischen Transformation

Erstgutachterin: Prof. Dr. Gudrun Hentges
Zweitgutachterin: PD Dr. Bettina Lösch

Forschungsgegenstand dieser Dissertation stellen Konzepte Transformativer Bildung (im Sinne einer politischen Bildung zur sozial-ökologischen Transformation) in Theorie und Praxis dar. Es findet eine Auseinandersetzung mit Theorien Transformativer Bildung statt, die durch die in der Praxis der politischen Bildung entstehenden Konzepte erweitert werden.

Ausgangspunkt der Arbeit ist die Beobachtung, dass angesichts der sich zuspitzenden sozial-ökologischen Krise derzeit zwar eine verstärkte gesellschaftstheoretische Auseinandersetzung mit Ursachen dieser sowie mit Möglichkeiten einer Transformation stattfindet, die Analysen bislang jedoch kaum Eingang in die wissenschaftlichen Diskurse der politischen Bildung gefunden haben. In der Praxis der außerschulischen politischen Bildung hingegen entstehen vielversprechende Ansätze einer kritisch-emanzipatorischen politischen Bildung zur sozial-ökologischen Transformation, die jedoch bislang wissenschaftlich wenig beachtet worden sind. Auf der Suche nach einem übergreifenden Konzept avanciert dabei der Begriff der Transformativen Bildung zum neuen Kristallisationspunkt der Diskurse. Dieser bleibt bislang jedoch theoretisch unscharf.

Mein Forschungsvorhaben besteht daher darin, den Begriff der Transformativen Bildung theoretisch zu schärfen bzw. Ansätze einer kritisch-emanzipatorischen politischen Bildung zur sozial-ökologischen Transformation theoretisch zu fundieren. Hierzu soll insbesondere die Wissensproduktion aus der Bildungspraxis hinzugezogen werden, um die in diesem Kontext entstehenden Ansätze für den wissenschaftlichen Diskurs fruchtbar zu machen.

Im theoretischen Teil findet eine Auseinandersetzung mit dem Diskurs um transformative Bildung statt: Was wird unter Transformation gefasst? Welche Debatten finden statt im Kontext der sozial-ökologischen Transformation? Worauf bezieht sich das Konzept der transformativen Bildung? Die theoretische Rahmung erfolgt vor allem durch kritische Gesellschaftstheorien in Weiterentwicklung der Frankfurter Schule (gesellschaftliche Naturverhältnisse), durch Regulations- und Hegemonietheorien (Imperiale Lebensweise), Degrowth-Ansätze sowie postkoloniale Theorien und Dependenztheorien. Theoretischer Ausgangspunkt in der politischen Bildung sind Überlegungen kritischer politischer Bildung sowie Theorien transformativen Lernens.

Im empirischen Teil soll mittels qualitativer Interviews sowie teilnehmender Beobachtung die Perspektive derjenigen eingeholt werden, die in der politischen Bildungsarbeit (insbesondere im Feld der non-formalen und informellen politischen Bildung) tätig sind und zu Transformativer Bildung im Sinne einer politischen Bildung zu sozial-ökologischer Transformation arbeiten. So sollen - nach einer theoretischen Grundlegung - insbesondere die in der politischen Bildungspraxis entwickelten Formate und Konzepte reflektiert werden. Anliegen ist es, durch die empirische Forschung die Theorie zu bereichern. Es soll dabei nicht primär um pädagogische Wirkungsforschung gehen, sondern um die Frage, welche Überzeugungen die politischen Bildner*innen vertreten und welche Handlungspraxis sie verfolgen. Es geht also um die Frage, was politische Bildner*innen in der Praxis machen und wie sie die Umsetzung ihrer Bildungsarbeit begründen. Das Ziel dieses Promotionsprojekts besteht darin, eine Konzeption einer kritisch-emanzipatorischen politische Bildung zum Themenkomplex sozial-ökologische Krise bzw. sozial-ökologische Transformation, die auf den Analysen kritischer Gesellschaftstheorien basiert, zu entwickeln. Ferner will diese qualitative Studie untersuchen, wie sich Lernansätze in diesem Themenfeld aus der Perspektive der politischen Bildung theoretisch begründen lassen.

 

Dissertationsprojekt Felix Lösing - abgeschlossen 2020
A ›Crisis of Whiteness‹ in the ›Heart of Darkness‹. Racism and the Congo Reform Movement.

Erstgutachter: Prof. Dr. Wulf D. Hund, Universität Hamburg (emerit.)
Zweitgutachter: Prof. Dr. Urs Stäheli, Universität Hamburg
Drittgutachterin: Prof. Dr. Gudrun Hentges, Universität zu Köln

Die historisch-soziologische Arbeit analysiert Rassismus im Kontext der britischen und US-amerikanischen ›Kongoreform-Bewegung‹, die zwischen 1890 und 1913 öffentlichen Protest gegen die Politik des ›Kongo-Freistaats‹ und dessen juristischen Nachfolgers, der Kolonie ›Belgisch-Kongo‹, organisierte. Während die Vorstellung einer politischen Vorreiterrolle dieser Kampagne in der Übergangsphase von viktorianischem Humanitarismus zu moderner Menschenrechtsbewegung in der Forschung eine breite Anerkennung erfahren hat, die zuweilen mit einer Glorifizierung ihrer als ›heldenhafte‹ beschriebenen Protagonistinnen und Protagonisten verbunden war und ist, wird der Rassismus der Kongoreform-Bewegung immer noch vielfach missachtet oder bagatellisiert.

Aufbauend auf der systematischen Untersuchung zeitgenössischer Quellen argumentiert diese Studie, dass Rassismus sowohl das ideologische Fundament als auch den inneren Antrieb und die zentrale Agenda dieser ersten großen internationalen Menschenrechtsbewegung des 20. Jahrhunderts bildete. Entgegen der heute vorherrschenden Annahme wird verdeutlicht, dass der ›Kongo-Skandal‹ für die britischen und US-amerikanischen Aktivistinnen und Aktivisten nicht auf den Aspekt kolonialer Gräueltaten beschränkt war, sondern eine weitreichende Krise rassistischer Verhältnisse umfasste, die die Grundlagen von ›weißer‹ und europäischer Vorherrschaft weit über Zentralafrika hinaus zu erschüttern drohten.
Der tatsächliche Impulsgeber der Kongoreform-Bewegung war nicht das Leid der kolonisierten Bevölkerung, sondern eine als skandalös betrachtete Enttäuschung der diskursiven, politischen und sozioökonomischen Erwartungen, die in die Kolonialisierung des Kongo gesetzt worden waren. Jedweder humanitäre Antrieb der Reformbewegung, so das Fazit dieser Studie, war stets begleitet und in vielen Fällen dominiert von dem Verlangen, die rassistischen und kolonialen Verhältnisse zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu stabilisieren und so die ›Krise des Weißseins‹ zu überwinden, die aus dem kongolesischen ›Herz der Finsternis‹ erwachsen war.

Rassismus, so macht die Analyse der humanitären ›Helden‹ der Kongo-Reformbewegung deutlich, war nie ausschließlich ideologisches Instrument der ›Schurken‹ der Geschichte. Stattdessen begreift die vorliegende Arbeit Rassismus als ein soziales Verhältnis, das aus dem komplexen Zusammenwirken von (biologischen und kulturellen) Klassifizierungen, institutionalisierter Macht, Prozessen der Gruppenbildung sowie negativen Vergesellschaftungsformen resultiert, sämtliche Strukturen der Gesellschaft umfasst und von Akteurinnen und Akteuren aller Klassen, Milieus, politischer Ausrichtung und ›Hautfarben‹ getragen und aktiv verteidigt werden kann.

Mit der so akzentuierten Perspektive ergänzt diese Arbeit die Geschichtsschreibung der Kongoreformbewegung um einen signifikanten Aspekt, erweitert das Verständnis von Funktion, Verfassung und ›historischer Arbeit‹ des Rassismus und trägt nicht zuletzt dazu bei, die rassistischen und kolonialen Fallstricke dieser Entstehungsphase moderner Menschenrechtsdiskurse aufzudecken.

Felix Lösing: A ›Crisis of Whiteness‹ in the ›Heart of Darkness‹. Racism and the Congo Reform Movement, Bielefeld: Transcript 2020 [im Erscheinen]

 
Dissertationsprojekt Magdalena Marsovszky
Die Erfindung des Magyarentums. Die völkische Ideologie in Ungarn

Erstgutachterin: Prof. Dr. Gudrun Hentges, Universität zu Köln
Zweitgutachter: Prof. Dr. Samuel Salzborn, Georg-August-Universität Göttingen

Die theoretische Grundlage der Arbeit bilden einerseits der Kulturpessimismus, die völkische Ideologie und die Kultur des Faschismus mit der so genannten integralen Tradition als völkisch-esoterisch-spirituelle Sinnsuche von den Anfängen bis heute, andererseits - daraus folgend - die zwei wichtigsten rassistischen Vorurteilsstrukturen: der Antisemitismus und der Antiziganismus.

Nach einem Überblick über die theoretischen Grundlagen, deren Rezeptionsgeschichte und dem Forschungsstand in Ungarn wird in der Dissertation chronologisch die Kulturgeschichte der völkischen Ideologie und die der integralen Tradition in Ungarn dargestellt, wobei besonderes Augenmerk auf deren Einbettung in die europäische Geistesgeschichte gelegt wird.
Den geistesgeschichtlichen Leitfaden bilden zwei europäische Parallelmythen, nämlich der Mythos vom „Hl. Gral" und der Mythos von der „Hl. Krone", deren semantische Merkmale nicht nur erstaunliche Ähnlichkeiten aufweisen. Im 21sten Jahrhundert finden sie sogar aufeinander, befruchten sich gegenseitig und bilden nun gemeinsam die Grundlage für den Neupaganismus und die Hoffnung auf eine palingenetische kollektive Erlösung.
Den zeitlichen Rahmen der völkischen Ideologie in Ungarn bildet die ungarische Hymne (1823). Die Hymne steht zu Beginn der Kulturgeschichte der völkischen Ideologie, da sie als der wichtigste Wegbereiter und Bezugspunkt für die völkische Ideologie in der Zeit des ungarischen Vormärz betrachtet werden kann. Und die Hymne steht auch am Ende, da die neue Verfassung Ungarns, die seit dem 1. Januar 2012 in Kraft ist, die Hymne in die Präambel integriert hat, die wiederum als „Nationales Glaubensbekenntnis" deklariert wird.
In den dazwischen liegenden (fast) zwei Jahrhunderten vollzog sich in Ungarn ein völkischer Wandel, der die Integration der Hymne in den Glauben an eine heidnische „Gottheit Nation" als vollkommen natürlich erscheinen lässt. Dieser Glaube war es jedoch, der immer wieder zu Ausgrenzungen und Pogromen geführt hat - bis hin zur aktiven Beteiligung an der Shoah.
Das Dissertationsprojekt rekurriert auf die folgenden theoretischen Konzepte: „verspätete Nation" (Helmut Plessner), „Ethnisierung des Sozialen", „Ethnisierung der Nation" (Samuel Salzborn), „Angst" (Wilhelm Reich, Massenpsychologie des Faschismus; Erich Fromm, Furcht vor der Freiheit), „Abwehr der Moderne", „Gegenmoderne", „Moderne Antimoderne" (Volker Weiss), „Kulturpessimismus" (Fritz Stern), „Schattenseiten der Aufklärung" (Gudrun Hentges), „Permanente Schuldabwehr", „Mangel an Selbstreflexion", „Täter-Opfer-Umkehr", „individuelle Askese, kollektiver Egoismus" (Adorno, Horkheimer), „nationale, kulturelle Befreiungsbewegung", „nationaler Opfermythos", „messianistischer Antiuniversalismus" (Samuel Salzborn), „Nationales Erwachen", „Mystifizierung, Sakralisierung der Nation", „Palingenese" (Roger Griffin), „integrale Tradition" (Franz Wegener) und „Mehrheitskonsens durch Ausschluss" (Wolfgang Benz).
Es ist der unreflektierte Autoritarismus, der sich durch die Jahrhunderte hinzieht, der immer wieder verfestigt wird und sich in bestimmten Abständen durch kollektive Gewalt entlädt. Wenn dabei der (strukturelle) Antisemitismus als Furcht vor und Abwehr der Moderne bezeichnet werden kann, dann ist der (strukturelle) Antiziganismus die manifestierte Abwehr durch Ausschluss vermeintlich Anderer und durch Selbstbestätigung.

 

Dissertationsprojekt Mona Massumi - abgeschlossen 2018
(Dis-)Kontinuitäten in Schulbiografien von migrierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen im deutschen Bildungssystem: Eine qualitative Untersuchung zu Schulerfahrungen, Bewältigungsprozessen und Systemeffekten.

Erstgutachter: Prof. Dr. Hans-Joachim Roth, Universität zu Köln
Zweitgutachter: Prof. Dr. Wassilios Baros, Universität Salzburg
Drittgutachterin: Prof.‘in Dr. Gudrun Hentges, Universität zu Köln

In dem Dissertationsprojekt wurden sowohl theoretisch als auch empirisch system- und subjektorientierte Zusammenhänge zwischen Systemeffekten und der subjektiven Handlungsfähigkeit von Jugendlichen sowie jungen Erwachsenen untersucht, die im Verlauf ihrer Bildungsbiografie nach Deutschland migriert und ins deutsche Schulsystem eingestiegen sind. Historisch-rekonstruktiv wurde herausgearbeitet, wie das schulische Bildungssystem seit der Gründung der Bundesrepublik auf die Anwesenheit von Migrant*innen reagiert und welche Auswirkungen diese Reaktionsweisen nach sich ziehen. Anhand narrativer Interviews wurden die Bildungsbiografien von 21 Migrant*innen, die im Jugend- und jungen Erwachsenenalter nach Deutschland migriert sind, nachgezeichnet. Ihre Wege ins deutschen Bildungssystem werden ebenso aufgezeigt wie die Barrieren, die den Zugang zum und Verbleib im formalen Bildungssystem in Deutschland erschweren. Die Untersuchung zeigt, wie Jugendliche und junge Erwachsene mit subjektiv wahrgenommenen Hindernissen umgehen und welche Möglichkeiten sie nutzen, um die eigene Schullaufbahn positiv mitzubestimmen. Die Befunde liefern Impulse, um das schulische Bildungssystem in einer u.a. durch Migration geprägten Gesellschaft neu zu (über-)denken.

Mona Massumi: Migration im Schulalter. Systemische Effekte der deutschen Schule und Bewältigungsprozesse migrierter Jugendlicher (Interkulturelle Pädagogik und postkoloniale Theorie, Band 7), Berlin u.a.: Peter Lang Verlag: 2019

 
Dissertationsprojekt Maryam Mohseni - abgeschlossen 2019
Empowerment-Möglichkeiten für Menschen mit Rassismuserfahrungen in „Empowerment-Workshops für People of Color" - Erfahrungshorizonte von Empowerment-Trainer_innen

Erstgutachterin: PD Dr. Bettina Lösch, Universität zu Köln
Zweitgutachterin: Prof. Dr. Gudrun Hentges, Universität zu Köln

Hinter der interkulturellen Pädagogik verbirgt sich oftmals ein Verständnis von People of Color, das sie entweder als hilfebedürftige Objekte einer weißen paternalistischen Fürsorge stilisiert oder sie als Repräsentant_innen und Anschauungsobjekte der anderen Kultur festschreibt (vgl. z.B. Castro Varela 2005). Die handelnden und angerufenen Subjekte der „interkulturellen Kompetenz" sind meist weiß-deutsche Lernende und Lehrende. Persons of Color werden als lernende oder lehrende Subjekte selten mitgedacht, der Blick ist stattdessen so auf sie gerichtet, dass sie besprochen, analysiert und unter die Lupe genommen bzw. unsichtbar gemacht werden. Innerhalb interkultureller Bildungsprozesse wird beständig ein Objektstatus der Anderen hergestellt und dadurch eines der grundlegenden Bestandteile von Rassismus - Otheringprozesse, die gewaltvolle Einteilung in Wir und die Anderen - (re-)produziert.
Innerhalb der außerschulischen Bildungspraxis in der BRD entwickeln sich in jüngster Zeit zahlreiche Initiativen des People of Color-Empowerment. Auf lokaler, bundesweiter wie auch virtueller Ebene sind Projekte, Initiativen, Bündnisse und Netzwerke entstanden, die mit dem Empowerment-Ansatz in geschützten Räumen arbeiten (vgl. Can 2013). Die im Bundesgebiet zahlenmäßig über-schaubaren Empowerment-Trainer_innen of Color leisten Pionierarbeit in diesem Feld. Bei „Empowerment aus People of Color-Perspektive" handelt es sich um Workshops von und für People of Color, die den Anspruch verfolgen, Menschen mit Rassismuserfahrungen zu den Subjekten der Bildungsarbeit zu machen und dabei ressourcenorientert zu arbeiten (vgl. Yiğit/ Can 2006; Rosen-streich 2006; Yiligin 2010; Can 2013; Heinrich Böll Stiftung Dossier 2013). Für People of Color stellt Rassismus (individuell wie auch kollektiv) körperlich und seelisch eine destruktive Gewalt- und Unterdrückungserfahrung dar (vgl. Velho 2010). Otheringprozesse führen zur Verinnerlichung der Position als Andere bzw. Objekte (vgl. Hall 1994, Kilomba 2010). Gleichzeitig bedeutet Rassismus aus PoC-Perspektive Widerstand und Entwicklung von vielfältigen Strategien im alltäglichen Umgang mit diesen Erfahrungen (vgl. Kilomba 2010, hooks 1994, Hall 1994, Castro Varela 2007). Dieser normale Alltag von PoC und ihre Subjektivierungsprozesse bilden den Ausgangspunkt von Empowerment-Workshops. Dabei geht es um die Überwindung von Ohnmacht und Unterdrückung und um das (Wieder-)Entdecken von Kraftquellen, die Entwicklung von Empowerment- und Widerstandsstrategien über das Erinnern, Erzählen und Dokumentieren der ausgeblendeten, verdrängten und verschwiegenen PoC-Empowerment- und Widerstandsgeschichten in Deutschland (vgl. Can 2013).
An diese Bildungspraxis möchte ich in meiner Forschungsarbeit anknüpfen und diese in der Rassismuskritik weiter etablieren. Dabei will ich der Frage nachgehen, was in diesen Bildungsräumen aus Sicht der Empowerment-Trainer_innen passiert und was sich genau hinter ihrem Empowerment-Konzept verbirgt. Mich interessieren die Selbstverständnisse von Empowerment-Trainer_innen, ihre Bildungs-, Subjekt- und Gesellschaftsverständnisse. Dabei konzentriere ich mich auf der einen Seite auf die biographischen Empowerment-Prozesse der Trainer_innen auf der einen Seite und auf ihre Empowerment-Arbeit in den Workshops auf der anderen Seite.
Theoretisch knüpfe ich an die Rassismus- und Migrationsforschung in der Tradition der Postcolonial und Cultural Studies an, welche die Subjektivitäten, Wirklichkeiten und Interessen von People of Color selbst als Ausgangspunkt der Wissensproduktion begreift. Innerhalb der kritischen Migrationspädaogik werden Herrschaftsverhältnisse analysiert, in denen Differenz- und Zugehörigkeitsverhältnisse als Unterscheidungspraxen dienen sowie die Subjektivierungsprozesse unter den Bedingungen dieser Strukturen (vgl. Mecheril 2014). Methodisch wähle ich die Grounded Theory als ein standpunkttheoretisch fundiertes Forschungsvorgehen, welches wissenschaftliches Arbeiten als Interpretation von Wirklichkeiten anstatt als das Abbilden von Realitäten begreift. Die Datenerhebung erfolgt in Form von problemzentrierten, leitfadengestützen (Expert_innen-)Interviews.

 

Dissertationsprojekt Marieluise Mühe
Solidarität als Praxis und Narrativ? Opposition zum Rechtspopulismus in vergleichender Perspektive

Erstgutachterin: Prof. Dr. Gudrun Hentges, Universität zu Köln

Im Vorfeld der Bundestagswahl 2017 etablierten sich Aktionsbündnisse, um die parlamentarische Verankerung der AfD zu verhindern. Auch nach dem Einzug der AfD in den Bundestag sowie im ‚Herbst der Solidarität‘ 2018 schlossen sich progressive Bündnisse zusammen, um sich institutionalisierten und alltäglichen Formen des Rassismus entgegenzustellen. Diese von äußerster Heterogenität gekennzeichneten Zusammenschlüsse, die Teile der radikalen Linken, (post-)migrantischen Protest, soziale Verbände, religiöse Vereinigungen sowie Gruppen aus anderen Bewegungen und Parteien umfassen, finden in Großdemonstrationen (wie z.B. #unteilbar) eindrucksvoll zusammen.

Dieses Promotionsprojekt fokussiert progressive Bündnisse und analysiert, aus welchem Grund Gruppen (neu/alt, moderat/radikal) in Opposition zum Rechtspopulismus Allianzen bilden. Ferner soll untersucht werden, unter welchen Bedingungen Kooperation gelungen ist bzw. gelingen kann. Im Zentrum der Studie stehen Berliner Gruppen und die Vielzahl an gesellschaftspolitischen Deutungen, die von ihnen vorgenommen werden. Die theoretische Rahmung erfolgt durch Fachliteratur zu Koalitionen und sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen zu antirassistischen / antifaschistischen Bewegungen aus der Protest- und Bewegungsforschung. Zur Kontextualisierung des Phänomens werden Ansätze gesellschaftlicher Spaltung einbezogen.

Im Rahmen einer qualitativ ausgerichteten empirischen Studie werden zwei Methoden miteinander verknüpft. Die Verfasserin der Studie führt problemzentrierte, leitfadengestützte Interviews mit Aktivist_innen durch und nimmt eine Dokumentenanalyse von zentralen Veröffentlichungen der Initiativen vor. Somit soll das Feld der progressiven Mobilisierung erschlossen werden.

 
Dissertationsprojekt Saloua Mohammed Oulad M´Hand
Soziale Arbeit und Ungleichwertigkeitsideologien: Eine qualitative Studie zu den Einflüssen und Auswirkungen von Ungleichwertigkeitsideologien am Beispiel rechtspopulistischer und rechtsextremistischer Diskurse auf die Professionsverständnisse, Strukturen und Praxen der Sozialen Arbeit 

Erstgutachterin: Prof. Dr. Gudrun Hentges
Zweitgutachterin: Prof. Dr. Schahrzad Farrokhzad, Technische Hochschule Köln

Rechtsideologisierte Diskursverschiebungen (Lehnert 2018) beeinflussten in der Vergangenheit und beeinflussen aktuell den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die gesellschaftliche Solidarität. Zentrales Element dieser Diskursverschiebungen sind rassifizierende und menschenfeindliche Ideologien und Praxen. Anknüpfend an bereits vorhandene Tendenzen führte die Corona-Pandemie der Jahre 2020/2021 zu einer weiteren Verschärfung der sozialen Ungleichheit und zu einer Zunahme von Abwertungs- und Exklusionsmechanismen.

Soziale Arbeit im Sinne eines Tripelmandats verortet sich in einer gesellschaftspolitischen Rolle: Sie versteht sich als Menschenrechts- und Gerechtigkeitsprofession, sie tritt ein für eine Auseinandersetzung mit individuellen, institutionellen und gesellschaftlichen Anforderungen und handelt inmitten dieser Spannungsfelder. Soziale Arbeit begreift es als ihre vorrangige Aufgabe, aus gesellschaftlicher und professioneller Sicht relevante soziale und gesellschaftliche Problemlagen durch wissenschaftlich fundiertes, methodisch angeleitetes und ethisch gerahmtes professionelles Handeln zu bearbeiten und Lösungswege aufzuzeigen (Klüsche 1999). Der Handlungsauftrag der Sozialen Arbeit leitet sich ab aus jenen Entwicklungen und Phänomenen, die den sozialen Wandel beeinträchtigen, die gesellschaftliche Kohäsion gefährden und die Wahrung der Menschenrechte bedrohen (Klüsche 1999; Wirth 2014).

Als solche Herausforderung können Ideologien der Ungleichwertigkeit (Heitmeyer 2008) aufgrund der ihnen innewohnenden Ausschluss- und Abwertungsmechanismen gewertet werden. Durch das Etikettieren und Verfremden von Menschen(-gruppen) aufgrund tatsächlicher oder gelesener Merkmale entsteht eine Konstruktion und Dämonisierung der sogenannten imaginären Anderen (Castro Varela; Mecheril 2016). Diese geht mit Abwertungs-, Benachteiligungs- und Exklusionsdynamiken aufgrund tatsächlicher oder gelesener Differenzkategorien, wie beispielsweise vermeintlicher ethnischer Zugehörigkeit, sexueller Orientierung oder Religionszugehörigkeit einher, und legitimiert die Einteilung und Hierarchisierung von Menschen sowie die Abwertung der Anderen und Aufwertung der eigenen sozialen Gruppe (Küpper 2012). Diese Prozesse und Wechselwirkungen beschreiben das Konzept der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (Heitmeyer 2005). Kern dieser gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit stellen Ideologien der Ungleichwertigkeit in ihren verschiedenen Facetten dar, wie beispielsweise in Form von Rassismus, Antisemitismus und Sozialdarwinismus. Ideologien der Ungleichwertigkeit sind Weltanschauungen, die im Umgang mit Menschen Ungleichheiten, Ungleichwertigkeiten, Machtasymmetrien bis hin zu Gewalt befürworten und legitimieren. Die Abwertung der markierten sogenannten Anderen begünstigt die Konstruktion ideologisierter Feindbilder und die Entstehung von Machtasymmetrien und Benachteiligungen auf Kosten der Marginalisierten. Mit ihrem menschenrechtsverachtenden Kern stellen diese Ideologien auch die Profession der Sozialen Arbeit immer wieder vor neue Herausforderungen.

Das Promotionsprojekt widmet sich der Frage, inwiefern Ideologien der Ungleichwertigkeit — hier am Beispiel rechtspopulistischer und -extremistischer Diskurse — Einfluss nehmen auf das Professionsverständnis, die Strukturen und die Praxen der Sozialen Arbeit. Dieses Forschungsvorhaben zielt darauf ab, die Auswirkungen dieser Entwicklungen auf das Professionsverständnis und auf die Strukturen und Praxen der Sozialen Arbeit zu analysieren.  

 
Dissertationsprojekt Felix Sassmannshausen - abgeschlossen Juli 2019
Doppelcharakter der Demokratie. Zur Aktualität der politischen Theorie Franz L. Neumanns in der Krise

Erstgutachter: Prof. Dr. Samuel Salzborn, TU Berlin
Zweitgutachterin: Prof. Dr. Gudrun Hentges, Universität zu Köln

Im Zentrum des Dissertationsprojekts steht die Frage nach der Aktualität der politischen Theorie des Rechts- und Politikwissenschaftlers Franz L. Neumann (1900-1954). Dabei knüpft die Arbeit an die von ihm formulierten und in weiten Teilen in Vergessenheit geratenen Ansätze einer dialektischen Theorie demokratischer und autoritärer Herrschaft an, die vor dem Hintergrund zeitgenössischer Krisenentwicklungen und autoritärer Tendenzen an Relevanz für die Demokratieforschung gewinnen.
Die Frage nach der Aktualität von Neumanns politischer Theorie wird in der vorliegenden Arbeit auf zwei Ebenen beantwortet: Zum einen wird sein zeitlebens fragmentarisch gebliebener Demokratiebegriff durch eine historische Rekonstruktion seiner Texte zugänglich gemacht. Als Ergebnis dieser Rekonstruktion lässt sich aus seinen Schriften einen für den Kapitalismus spezifischen Doppelcharakter moderner Demokratien extrapolieren. Dieser Doppelcharakter unterliegt situativ einem Funktionswandel, in dem die pluralistischen sozialen, politischen und ökonomischen Kräfteverhältnisse in einen Widerspruch zur real-abstrakten Form moderner Herrschaft treten können. Die Aktualität dieser Grundüberlegung Neumanns zeigt sich an den Maßnahmen zur Krisenbewältigung in der ersten Phase der Finanzkrise von 2008 bis 2010. Im Sinne eines kontrastierenden Vorgehens untersucht die Arbeit anhand zweier Fallstudien - dem Illiquid Assets Back-up Facility (IABF) in den Niederlanden vom Januar 2009 und dem Finanzmarktstabilisierungsergänzungsgesetz (Lex HRE) in Deutschland vom April 2009 - die darin wirkenden gesellschaftlichen Widersprüche. Diese manifestieren sich als antidemokratische Dynamiken, als Kräfteverschiebung zugunsten der Exekutive in den Niederlanden und als antiformale Tendenzen im Recht in Deutschland.
Im zweiten Teil der Arbeit wird im Sinne parlamentarischer Kulturforschung der Frage nach Metaphern und semantischen Konstruktionen in den Parlamentsreden zur Legitimation der Krisenbewältigung nachgegangen. Im Fokus stehen dabei die Reden der beiden sozialdemokratischen Finanzminister und ihrer Parteikolleg*innen. Als Ergebnis der Ideologieanalyse lassen sich im sozialdemokratischen Frame über die Finanzkrise, wonach die Krise in erster Linie als Krise des Finanzkapitals erscheint, zwei Narrative ausmachen: Erstens ist die personelle Externalisierung der Krisenursachen zu nennen. Danach werden einzelne Banker für die Krise verantwortlich gemacht, aus der Idee des (nationalen) Gemeinwohls ausgeschlossen und mit Attributen wie Gier, Maßlosigkeit und Renditehunger verknüpft. Als zweites Narrativ lässt sich die territoriale Externalisierung der Finanzkrise ausmachen. Danach werden die Krisenursachen aus den jeweils positiv konnotierten eigenen (nationalen) Kollektiven abgespalten und auf die USA projiziert. Während das Narrativ über die territoriale Externalisierung in Teilen auf antiamerikanischen Semantiken und Metaphern aufbaut, spitzt sich das Narrativ über die personelle Externalisierung der Krise in einem Fall zu einem manifest antisemitischen Motiv zu. In Anlehnung an Neumanns Aufsatz Angst und Politik (1954) werden die Befunde dieser Ideologieanalyse gesellschaftstheoretisch gedeutet. Dabei wird der grundlegende Zusammenhang von ökonomischen Krisen, als Dynamiken der Zuspitzung politischer und juridischer Widersprüche, mit ideologischen Verarbeitungsmustern beleuchtet.
Die Forschungsergebnisse auf den drei Analyseebenen (Gewaltenteilung, Gesetzesherrschaft und Ideologie) verweisen dabei ausgehend von der historischen Rekonstruktion der politischen Theorie Neumanns auf eine Widerspruchsdynamik, die in der Arbeit als Doppelcharakter und Dialektik der Demokratie gefasst wird. Sie zeigen auf eine, dem Kapitalismus immanente, Dynamik, wonach sich die Dialektik von Gewalt und Gesetz zugunsten der Gewalt und die Dialektik von Souveränität und Freiheit zugunsten der Souveränität hin aufzulösen drohen.

Felix Sassmannshausen: Doppelcharakter der Demokratie: Zur Aktualität der politischen Theorie Franz L. Neumanns in der Krise (Studien zur Geschichte der Sozialdemokratie und des Sozialismus), Berlin: Metropol-Verlag 2020

 

Doktorandin: Justyna Staszczak
Antidiskriminierungsarbeit im Vergleich. Eine empirische Studie über den „Social-Justice und Diver-sity" Ansatz sowie „Blue Eyed"-Workshop

Erstgutachterin: Prof. Dr. Gudrun Hentges, Universität zu Köln
Zweitgutachter: Prof. Dr. Phil C. Langer, International Psychoanalytic University Berlin

Die Auseinandersetzung mit Diskriminierungsthemen und Rassismus stellt einen wichtigen Be-standteil der politischen Bildung für Jugendliche und Erwachsene dar. Zu den gängigen Formaten dieses Bildungsbereiches gehören Antidiskriminierungstrainings. Die zwei Konzepte aus den USA „Social Justice und Diversity" und „Blue Eyed" wurden für die hiesige politische Bildung bzw. anti-rassistische Pädagogik adaptiert. Die zwei Trainingsansätze entstanden in unterschiedlichen Kontexten und arbeiten mit unterschiedlichen Methoden. Ihr Ziel ist jedoch vergleichbar: Es geht da-rum, hegemoniale Praktiken von Ungleichheit, gesellschaftliche Machtstrukturen, Vorurteile, Ste-reotype kritisch zu hinterfragen, unterdrückerische Kommunikations- und Interaktionsformen zu verlernen, um diverse Diskriminierungsformen herauszufordern und ihnen entgegenzuwirken.
Ziel dieser Untersuchung ist es, die Lernerfahrungen und Erkenntnisse der Trainingsteilneh-mer_innen im Vergleich zu analysieren, um die Lernprozesse gegenüber den Diskriminierungsfragen nachzuzeichnen und somit die Möglichkeiten und auch eventuelle Grenzen dieser Formate aufzeigen zu können.

 

Doktorandin: Ruth Steuerwald
Zwischen Professionalisierung, Partizipation und Widerstand: Transnationale und lokale Zivilgesell-schaftsförderung aus Sicht postkolonialer Gouvernementalität in Nordostbrasilien

Erstgutachter: Prof. Dr. Aram Ziai, Universität Kassel
Zweitgutachterin: Prof. Dr. Gudrun Hentges, Universität zu Köln

Wie in vielen Ländern des globalen Südens stellten in Brasilien Gelder der Entwicklungszusammenarbeit über die letzten drei Jahrzehnte einen großen Teil der finanziellen Ressourcen zivilgesell-schaftlicher Organisationen, was aus postkolonialer Perspektive analysiert werden kann (Hall 1996; Chatterjee 2004; Escobar 1995). Nach einem „Boom" der Entwicklungsförderung durch Zivilgesellschaft in den 1990er Jahren verändert sich die Finanzierung von Zivilgesellschaft jedoch, unter anderem angesichts dessen, dass das Land als erfolgreiches „Schwellenland" betrachtet wird: Westliche Entwicklungsakteure setzen andere geografische Schwerpunkte, oder sie bedienen sich neuer Methoden, wie z.B. des ‚Public Private Partnership‘. Lokale Ressourcenquellen werden wichtiger; das Feld Staat/Zivilgesellschaft wird seit der Re-Demokratisierung in den 1990er Jahren und seit Beginn der Arbeiterparteiregierungen Anfang der 2000er Jahre neu konstituiert, auch privatwirtschaftliche Förderung wird häufiger.
Das Forschungsvorhaben fragt vor diesem Hintergrund, wie Finanzierungsstrukturen und somit die Rolle zivilgesellschaftlicher Akteure in Brasilien mit lokalen und transnationalen Machtstrukturen zusammenhängen. Welche Handlungsspielräume, und damit Möglichkeiten der Transformation solcher Machtstrukturen bestehen innerhalb dieser Prozesse für zivilgesellschaftliche Akteure? Die Arbeiten Michel Foucaults zu Gouvernementalität (Foucault 2004) - erweitert um eine postkolonia-le Perspektive - dienen als theoretische Grundlagen.