Projektskizze
Das von der Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Forschungsprojekt rekonstruiert, wie Jugendliche schulische Sexualerziehung sowie Sexualität im Kontext schule deuten – und welche Bezugsprobleme im Spannungsfeld von Schule, Jugend und Sexualität im Sprechen über Sexualität und Sexualerziehung hervorgebracht werden.
DeJuS setzt dabei bei einer Gegenwartslage an, in der Schule unter Bedingungen gesellschaftlicher Polarisierung, konfligierender Wertordnungen und digital geprägter Öffentlichkeiten zugleich als sexualbezogene Integrations- und Demokratiestütze adressiert wird, während Desinformation, Desintegrationsdynamiken und normative Verhärtungen des Sexuellen in schulische Aushandlungen hineinwirken. Sexualerziehung wird in dieser Lage nicht nur als Unterrichtsthema, sondern als Indikatorfeld öffentlicher Erziehungs- und Gesellschaftsverhältnisse sichtbar – auch vor dem Hintergrund kulturpolitischer Restriktionsbestrebungen, die in Teilen Europas sexualitätsbezogene Bildungsinhalte begrenzen oder delegitimieren.
Empirisch werden problemzentrierte Interviews mit Schüler:innen der Sekundarstufe I mittels wissenssoziologischer Deutungsmusteranalyse ausgewertet. Schule und Unterricht werden als Instanzen sexueller Sozialisation fokussiert. Das Projekt integriert intersektionale Perspektiven, indem neben trans*- und queeren auch cis*ident positionierte Jugendliche systematisch berücksichtigt werden. International wird eine stärkere Anbindung an Diskurse der Critical Studies on Men and Masculinities angestrebt.
Ein exemplarischer analytischer Zugriff fragt danach, wie männliche Jugendliche körperbezogene Diskurse als Ressource nutzen, um Zugehörigkeit, Anerkennung und „Wahrheit“ auch in Schule und Unterricht auszuhandeln. „Körper“ werden hierfür als doppelt codierte Arena operationalisiert: Auf einer Oberflächenebene stehen Attraktivität, Performanz und Zielbilder im Vordergrund; auf einer Tiefenebene verdichten sich darin politisch-normative Ordnungsvorstellungen, über die demokratierelevante Grenzziehungen von Pluralität, Normalität und Abweichung mitgeführt werden. Im Zentrum dieses Forschungsstrangs stehen dabei sowohl öffentlich prominent geführte Schulkontroversen wie das explizite lehrkraftseitige Ansprechen von trans*, wie auch bislang weniger berücksichtigte sexualbezogene Entwicklungen bei Jugendlichen, wie der juvenile Widerhall digital vermittelter Männlichkeits- und Lebensführungsnarrative, wie z.B. „Alpha-Bros“, „Trad-Wives“ oder „noFap“.
Transferperspektiven werden in Kooperationen mit Schulen in Köln und dem Kölner Umland, sowie kommunalen Partnern verfolgt. Untersucht wird u.a., ob und wie Jugendliche schulrelevante sexualbezogene Bezugnahmen auf populistischen bzw. religiös-fundamentalistischen Social-Media-Content verarbeiten. Methodologisch zielt DeJuS zugleich darauf, die Abstraktionsstufen der wissenssoziologischen Deutungsmusteranalyse stärker zu systematisieren und gegenüber benachbarten rekonstruktiven Verfahren präziser zu profilieren.