Forschungsinstitut und Beratungsstelle für Sprachrehabilitation (FBS)

Leitung: Vertr.-Prof. Dr. T. Ulrich & Prof. Dr. P. Stenneken

 

Aktuelle Aktivitäten des Lehrstuhls Sprachbehindertenpädagogik in schulischen und außerschulischen Bereichen 


Laufende Forschungsprojekte
(Aktualisierung:  September 2017)

 

Überblick

1. Grammatikerwerb deutschsprachiger Kinder zwischen  4 und 9 Jahren (GED 4-9)

2. „Der  Wortschatzsammler“– Effektivität lexikalischer Strategietherapie (WES)



 

1.  Grammatikerwerb deutschsprachiger Kinder zwischen 4 und 9 Jahren (GED 4-9) 

Verantwortlich: Vertr. Prof. Dr. Tanja Ulrich, Univ.-Prof. i.R. Dr. Hans-Joachim Motsch

Kooperationspartner: Univ.-Prof. Dr. Christian Rietz (damals Universität zu Köln), Univ.-Prof. Dr. Ulrike Lüdtke & FöL/FSL Ulrich Stitzinger (Leibniz Universität Hannover), Prof. Dr. Margit Berg (damals Pädagogische Hochschule Heidelberg)

 - Tageseinrichtungen für Kinder des Jugendamtes der Stadt Köln (Karin Brähler-Haucke, Abteilungsleiterin)

- Abteilung Tageseinrichtungen für Kinder des Diözesan-Caritasverbandes für das Erzbistum Köln e.V. (Matthias Vornweg, Abteilungsleiter)

- Vertreter der Bezirksregierung Köln im Zentrum für Mehrsprachigkeit und Integration (Abteilung 41: LRSD Manfred Höhne)

Laufzeit: 2012-2017

Flyer zum Projekt


Theoretischer Hintergrund /Ausgangslage

Der Erwerb grammatischer Regelkompetenz ist bei der Entwicklung sprachlicher Fähigkeiten von besonderer Relevanz - der Rückgriff auf morphologische und syntaktische Regeln dient als essentielle Grundlage für die lautsprachliche und schriftsprachliche Produktion korrekter Sätze sowie das Verstehen von Sätzen und Texten. International gelten Störungen und Blockaden beim Erwerb der grammatischen Regeln als bedeutsamer Marker der spezifischen Sprachentwicklungsstörung (Leonard 1998). 

Dies impliziert, dass möglichst frühzeitig Fehlentwicklungen im Bereich des Grammatikerwerbs von Kindern festgestellt werden müssen, um geeignete Förder- bzw. Therapiemaßnahmen ergreifen zu können und negative Auswirkungen auf den (schrift-) sprachlichen Entwicklungsbereich sowie negative Folgen auf eine erfolgreiche Sozialisation und die schulische und berufliche Laufbahn zu vermeiden. Voraussetzung dazu wären empirisch belastbare Daten zum normalen Grammatikerwerb.

Diesbezüglich klafft aber eine Lücke in der Spracherwerbsforschung: Es existierte kein ausreichend empirisch gesichertes Wissen über den Erwerb grammatischer Fähigkeiten deutschsprachiger Kinder. Bestehende, aus empirischen Untersuchungen abgeleitete Deskriptionen des Grammatikerwerbs reichten bislang beinahe ausnahmslos lediglich bis in das vierte Lebensjahr (Clahsen 1982, Cron-Boengler 1985) und beriefen sich auf nicht-repräsentative Erhebungen an einer sehr geringen Anzahl von Kindern (z.B. N = 3; Clahsen 1982).

Die daraus resultierende Aussage, dass deutschsprachige Kinder bereits im vierten, spätestens jedoch im fünften Lebensjahr alle wesentlichen grammatischen Regeln erworben hätten (Szagun 2007), wurden durch aktuellere Querschnittsuntersuchungen im Schulalter hingegen widerlegt: So zeigten die Untersuchungen von Popella (2005) und Maiworm (2008) an über 150 sprachunauffälligen, monolingual deutschsprachigen Erstklässlern nach der Einschulung, dass eine Vielzahl der sechs- bis siebenjährigen Kinder weder die Kasusregeln noch die Verbendstellungsregel im Nebensatz erworben hatten (Motsch 2009).

Diese Erkenntnisse unterstreichen, dass sich offenbar einige der bestehenden Annahmen über den vollendeten Grammatikerwerb im Vorschulalter empirisch nicht bestätigen ließen. Darüber hinaus fehlte gesichertes Grundlagenwissen über den Erwerb von grammatischen Strukturen jenseits des vierten Lebensjahres. 

Ziel

Das beschriebene Forschungsdesiderat im Bereich der grammatischen Entwicklung bildete den Ausgangspunkt für das Projekt GED 4-9. Im Rahmen einer großen multizentrischen Studie sollten repräsentative, empirisch zuverlässige Daten bezüglich des Grammatikerwerbs monolingual deutschsprachiger Kinder in der bislang kaum erforschten Lebensspanne zwischen dem vierten und neunten Lebensjahr erhoben werden.

Methode

Die Datenerhebung war multizentrisch konzipiert und fand im Rahmen von drei koordinierten Teilprojekten in den Bundesländern Baden-Württemberg (GED 4-9 Baden-Württemberg; Leitung: AOR'in Dr. Margit Berg), Nordrhein-Westfalen (GED 4-9 Nordrhein-Westfalen; Leitung: Univ.-Prof. Dr. Hans-Joachim Motsch) und Niedersachsen (GED 4-9 Niedersachsen; Leitung: Univ.-Prof. Dr. Ulrike Lüdtke) statt.

Untersucht wurden die grammatischen Fähigkeiten von N = 968 monolingual deutschsprachigen Kindern. Die Untersuchungen erfolgten von 2013 bis 2014 in Kindertagesstätten und Schulen der drei o.g. Bundesländer.

Um repräsentative Ergebnisse zu erlangen, wurden bei der Stichprobenauswahl die Merkmale Alter, Geschlecht, Stadt/Land und Schulabschluss der Mutter berücksichtigt.

 

 

Im Zuge der Entwicklung des Erhebungsinstruments zur Überprüfung der grammatischen Fähigkeiten werden vorhandene Subtests des bestehenden Diagnoseinstruments ESGRAF-R (Evozierte Sprachdiagnose grammatischer Fähigkeiten; Motsch 2009) standardisiert und durch projektbezogen entwickelte Diagnostikmaterialien zur Überprüfung einzelner grammatischer Phänomene erweitert. Das daraus entstandene Erhebungsinstrument mit dem Rahmensetting „Zirkus" erlaubt eine umfassende Beurteilung folgender grammatischer Fähigkeiten: Subjekt-Verb-Kongruenz, Verbzweitstellung im Hauptsatz, Kasusfähigkeiten (Genitiv, Dativ, Akkusativ), (Genussicherheit), Pluralbildung, Verbendstellung im Nebensatz, Passivsätze und Konjunktivsätze.

Das Diagnostikverfahren wird im Rahmen der Voruntersuchung (n = 106) erprobt und hinsichtlich testtheoretischer Parameter, wie z. B. Durchführungsgenauigkeit, Bestimmung des Schweregrads, Festlegung der Itemreihung etc. analysiert und anschließend gegebenenfalls für den Einsatz in der Hauptuntersuchung modifiziert. Die Pilotierung dient zudem der Validierung des Erhebungsinstruments durch ausgewählte Untertests bestehender Testverfahren (u.a. „Entwicklungstest Sprache 4-8 Jahre" (ETS 4-8, Angermaier 2007), „Sprachstandserhebungstest für Fünf- bis Zehnjährige" (SET 5-10, Petermann 2010), „Inventar diagnostischer Informationen bei Sprachentwicklungsauffälligkeiten" (IDIS, Schöler 1999)).

Studiendesign

Die Datenerhebung und -eingabe ist mittlerweile abgeschlossen, so dass mit der Auswertung der Daten begonnen werden konnte.

 

Erste Publikationen erscheinen ab Mitte 2016 (s.u.).

Nutzen der Forschungsergebnisse

Die erhobenen Daten schaffen erstmalig Vergleichswerte zur Beurteilung der grammatischen  Entwicklung im Vorschul- und frühen Schulalter von muttersprachlich deutschen Kindern. Die bereitgestellten Normen erlauben zudem erstmals den Vergleich des grammatischen Erwerbsstandes von Kindern mit Migrationshintergrund mit dem deutschsprachiger Kinder.

Das gewonnene Wissen erlangt besondere Bedeutung bei den Übergangssituationen und Schnittstellen unseres Bildungssystems - sowohl bei Sprachstandserhebungen bei Vierjährigen als auch bei Schuleingangsuntersuchungen und der damit verbundenen Entscheidung über Sprachförderbedarf.

Durch die Einbindung von Studierenden in alle Phasen des Forschungsprojekts stellt das Projekt „GED 4-9“ zudem ein Beispiel für die gelungene Verzahnung von Forschung und Lehre dar. So waren an der Datenerhebung und –auswertung insgesamt 39 Studierende der Hochschulstandorte Köln, Hannover und Heidelberg beteiligt. Neben der Gelegenheit, auf diese Weise umfangreiche praktische Erfahrungen in der Sprachdiagnostik sammeln zu können, ermöglichte dies einer Reihe von Studierenden, einzelne Teilfragestellungen im Rahmen ihrer Abschlussarbeiten zu bearbeiten.

So entstanden an der Leibniz Universität Hannover  7 Masterarbeiten, an der Universität zu Köln 7 Examens-/ bzw. Bachelorarbeiten sowie an der pädagogischen Hochschule Heidelberg 8 Abschlussarbeiten zu Teilfragestellungen des GED-Projekts. 

Zwei der an der Universität zu Köln verfassten Bachelor-Arbeiten wurden mit dem dgs-Zukunftspreis 2016 ausgezeichnet (Thater 2015, Baumeister 2015, s.u.).

Outcome

Lüdtke, U.,  Stitzinger, U. & Ulrich, T. (in Vorbereitung): Einfluss des  elterlichen Bildungshintergrundes auf grammatische Fähigkeiten  deutschsprachiger Kinder zwischen vier und neun Jahren.

Thater, S. & Ulrich, T. (eingereicht): Pluralmarkierung bei deutschsprachigen Kindern zwischen 4 und 9 Jahren. 

Ulrich, T. (eingereicht): Die Existenz des Genitivs in der deutschen Kindersprache. 

Ulrich, T. (2017): Grammatikerwerb und grammatische Störungen im Kindesalter. Ergebnisse des Forschungsprojekts GED 4-9 und ihre Implikationen für sprachdiagnostische und -therapeutische Methoden. Unveröffentlichte Habilitationsschrift, Universität zu Köln. 

Baumeister, I. (2016): Genuserwerb und Prinzipien der Genuszuweisung im Deutschen. Sprache Stimme Gehör 40 (4), 193-195.

Ulrich, T., Penke, M., Berg, M., Lüdtke, U., Motsch, H.-J. (2016): Der Dativerwerb - Forschungsergebnisse und ihre therapeutische Konsequenzen. Logos 24 (3), 176-190.

Rietz, C.; Motsch, H.-J. (2016): ESGRAF 4-8. München: Ernst Reinhardt.

Rietz, C.; Motsch, H.-J. (2014): Testtheoretische Absicherung der ESGRAF 4-9. Empirische Sonderpädagogik 4, 300-312.

Motsch, H.-J., Becker, L.-M. (2014): Grammatikerwerb deutschsprachiger Kinder zwischen 4 und 9 Jahren (GED 4-9). Vierteljahresschrift für Heilpädagogik u.i.N. (VHN) 1, 71-73.

Motsch, H.-J. (2013): Grammatische Störungen - Basisartikel. Sprachförderung und Sprachtherapie 2/1, 2-8.

 

Studentische Abschlussarbeiten zu Teilfragestellungen des GED-Projekts:

    A) Masterthesen im GED-Teilprojekt Niedersachsen

Böttcher, Julia (2014): Erhebung grammatischer Fähigkeiten deutschsprachiger Kinder im Alter von vier bis neun Jahren - Eine Analyse der Verbendstellungsregel in subordinierten Nebensätzen.

Gatz, Susanne (2015): Erhebung grammatischer Fähigkeiten deutschsprachiger Kinder im Alter von vier bis neun Jahren im Fokus des Passivs.

Müller, Carina Marie (2015): Grammatikentwicklung im Fokus des Dativerwerbs - Eine Analyse im Rahmen des multizentrischen Forschungsprojekts „Grammatikerwerb deutschsprachiger Kinder zwischen vier und neun Jahren (GED4-9)“.

Rathgeber, Katharina (2014): Grammatikerwerb deutschsprachiger Kinder im Alter von vier bis neun Jahren im Fokus der Kasusmarkierung am Substantiv.

Schober, Theresa (2014): Analyse des Genitiverwerbs im Rahmen des multizentrischen Projekts „Grammatikerwerb deutschsprachiger Kinder im Alter von vier bis neun Jahren (GED 4-9)“.

Strickling, Hanna (2015): Erhebung grammatischer Fähigkeiten deutschsprachiger Kinder im Alter von vier bis neun Jahren im Fokus des Konjunktivs.

Thom, Katja (2014): Grammatikerwerb deutschsprachiger Kinder im Alter von vier bis neun Jahren im Fokus der Pluralbildung.

 

     B) Examens-/ Bachelorarbeiten im GED-Teilprojekt NRW  

Baumeister, Inga (2015): Genuserwerb und Prinzipien der Genuszuweisung im Deutschen. Eine Analyse bei deutschsprachigen Kindern zwischen vier und neun Jahren,

ausgezeichnet mit dem 2. Platz des dgs-Zukunftspreises 2016.

Born, Dorien (2015): Der Erwerb der Verbendstellungsregel im subordinierten Nebensatz unter besonderer Berücksichtigung der „Weil V2-Struktur“ bei deutschsprachigen Kindern zwischen vier und neun Jahren.

Heister, Laura & Kaiser, Romina (2015): Pluralerwerb - Vergleich der Leistungen von sprachunauffälligen Kindern bei Pseudowörtern und Realwörtern.

Heß, Lea Maria (2014): Der Erwerb später grammatischer Fähigkeiten- eine empirische Untersuchung zum Passiv bei vier- bis neunjährigen Kindern.

Mennicken, Sandra (2016): Der Genitiv in Präpositionalphrase und als Attribut bei deutschsprachigen Kindern zwischen 4 und 9 Jahren.

Thater, Sarah (2015): Der Erwerb der Pluralmarkierung im Deutschen bei Kindern zwischen vier und neun Jahren,

ausgezeichnet mit dem 1. Platz des dgs-Zukunftspreises 2016.

Schneider, Sonja (2015): Das Partizip Perfekt: Korrektheit und Position bei deutschsprachigen Kindern zwischen vier und neun Jahren.

 

     C) Abschlussarbeiten im GED-Teilprojekt Baden-Württemberg  

Bosky, Ramona (2016): Differenzierte Betrachtung des Genitiverwerbs bei monolingual deutschsprachigen Kindern im Alter von vier bis neun Jahren im Rahmen der Studie GED 4-9.

Brombach, Maybrit (2016): Verlauf des Genuserwerbs deutschsprachiger Kinder zwischen vier und neun Jahren.

Ezel, Pauline (2016): Der Nebensatzerwerb monolingual deutschsprachiger Kinder: Untersuchung des Zusammenhangs mit ausgewählten Faktoren aus der Studie GED 4-9.

Guhl, Carolin (2015): Differenzierte Betrachtung des Dativerwerbs bei monolingual deutschsprachigen Kindern im Alter von vier und neun Jahren im Rahmen der Studie GED 4-9.

Merz, Sabrina (2015): Der Erwerb der Genus- und Kasusmarkierung bei monolingual deutschsprachigen Kindern mit unauffälliger Sprachentwicklung im Grundschulalter. Eine empirische Untersuchung des Zusammenhanges im Rahmen der Studie GED 4-9.

Seybold, Constanze (2015): Korrektheit der Genusmarkierung als Vorläufer der Kasusmarkierung im Vorschulalter.

Vögele, Carolin (2015): Differenzierte Betrachtung des Akkusativerwerbs bei monolingual deutschsprachigen Kindern im Alter von vier bis neun Jahren im Rahmen der Studie GED 4-9.

Zlatovic, Svijetlana (2015): Qualitative Analyse des Nebensatzerwerbs bei monolingual deutschsprachigen Kindern im Rahmen der GED 4-9 Studie.

Literatur

Angermeier, M. J. W. (2007): ETS 4-8. Entwicklungstest Sprache 4 bis 8 Jahre. Frankfurt: Pearson Assessment

Clahsen, H. (1982): Spracherwerb in der Kindheit. Tübingen: G. Narr

Cron-Boengler, U. (1985): Die Analyse kindlicher Satzstrukturen in den ersten 3 Lebensjahren. In: Gipper, H. (Hrsg.): Kinder unterwegs zur Sprache. Düsseldorf: Schwann, 148-170

Leonard, L. B. (1998): Children with Specific Language Impairment. Cambridge: MIT Press

Maiworm, B. (2008): Grammatische Fähigkeiten sprachnormaler Grundschulanfänger - Empirische  Überprüfung mit der ESGRAF-Diagnostik. Diplomarbeit: Universität zu Köln

Motsch, H.-J. (2009): ESGRAF-R. Modularisierte Diagnostik grammatischer Störungen. Testmanual und DVD. München: Ernst Reinhardt

Petermann, F. (2010): SET 5-10. Sprachstandserhebungstest für Fünf- bis Zehnjährige. Göttingen: Hogrefe

Popella, M. (2005): Vergleichsstudie zum Erwerb der Kasusmarkierung von Erstklässlern in Grund- und Sprachheilschulen. Diplomarbeit: Universität zu Köln

Schöler, H. (1999): IDIS. Inventar diagnostischer Informationen bei Sprachentwicklungsauffälligkeiten. Heidelberg: Universitätsverlag Winter

Szagun, G. (2007): Grammatikentwicklung. In: Schöler, H., Welling, A. (Hrsg.): Sonderpädagogik der Sprache. Göttingen: Hogrefe, 29-41


 

2.  „Der Wortschatzsammler“ – Effektivität lexikalischer Strategietherapie (WES)

Theoretischer Hintergrund

Störungen des Wortschatzes sind häufige Teilsymptome einer Sprachentwicklungs­störung bei Kindern. Sie zeigen sich als Störungen in der Produktion und/oder im Verstehen von Wörtern aufgrund von fehlendem, unzureichendem oder nicht abruf­barem semantischen oder lexikalischen Wissen (Glück 2007). Die Kinder verfügen zumeist über einen geringeren Wortschatzumfang als ihre Altersgenossen. Zudem sind die vorhandenen lexikalischen Einträge unzureichend differenziert und mit ande­ren Einträgen vernetzt, was in der Folge zu Schwierigkeiten beim Zugriff (Wortfin­dungs- und Wortabrufstörungen), zu Fehlbenennungen, Umschreibungen oder anderem Kompensationsverhalten führen kann. Trotz des häufigen Vorkommens lexikalischer Störungen (zwischen 23% und 40% der sprachauffälligen Kinder, Dockrell et al. 1998, German 1994) treten diese im Rahmen der komplexen sprach­lichen Symptomatik spracherwerbsgestörter Kinder meist weniger offensichtlich zutage als Störungen der Aussprache oder der Grammatik. Entsprechend dünn ist die bisherige Forschungslage bezüglich der Effektivität der in der Praxis eingesetzten sprachtherapeutischen Methoden (Glück 2003). Es existieren nur wenige Interven­tionsstudien, die in der Regel an kleinen Stichproben durchgeführt und teilweise methodisch lückenhaft beschrieben sind. Die häufig eingesetzte Elaborationstherapie führt in den meisten Fällen zu einem unmittelbaren Lerneffekt für den exemplarisch geübten Wortschatz, zeigt aber nur geringe Generalisierungseffekte auf ungeübtes   Wortmaterial. Die therapeutische Hoffnung, den Selbstlernmechanismus der Kinder durch die auf einen kleinen exemplarischen Wortschatz beschränkte Elaboration zu „deblockieren“ (Anstoßfunktion), blieb somit unerfüllt. Bedenkt man, dass Kinder bis zur Einschulung über einen aktiven Wortschatz von 3´000-6´000 Wörtern verfügen sollten, wird deutlich, dass dies nicht über die Erarbeitung einzelner Wörter im thera­peutischen Setting zu leisten ist. Insofern bleibt im Sinne der Evidenzbasierung der Nachweis der klinisch bedeutsamen Verringerung einer semantisch-lexikalischen Störung durch sprachtherapeutische Intervention offen (Glück 2003). Autoren wie German (2002), Füssenich (2002), Glück (2007) und Kannengießer (2012) vermuten, dass Therapieansätze, die den Kindern Strategien zum Erwerb, zur Vernetzung und zum Abruf lexikalischen Wissens vermitteln, zu besseren Transfereffekten auf ungeübtes Material führen könnten.

Dies bildete den Ausgangspunkt für die Entwicklung der neuen Therapiemethode „Der Wortschatz-Sammler“ (Motsch 2008). Sie beinhaltet Elemente des Selbstmana­gements, indem sie die Kinder über das lustvolle Entdecken der eigenen lexika­lischen Lücken zu eigenaktivem Lernen anregt und befähigt. Zu diesem Zweck wer­den den Kindern Fragestrategien zur semantischen und phonologischen Elaboration und zur Kategorisierung neuer lexikalischer Einträge sowie Strategien zur Erleichterung des Abrufs bei fehlendem Zugriff auf vorhandene lexikalische Einträge vermittelt. Über den Einbezug der Eltern, Erzieherinnen und Lehrer soll zudem der Übertrag der erlernten Strategien in den Alltag erleichtert werden.

Der „Wortschatz-Sammler“ ist die erste strategieorientierte Therapiemethode, die im deutschsprachigen Raum für lexikalisch gestörte Kinder entwickelt wurde. Die bisher in der Fachliteratur vorherrschende Annahme, Strategien könnten erst von Schulkindern aufgrund verbesserter metalinguistischer Fähigkeiten umgesetzt werden, fand bereits in einer ersten Pilotstudie (Zimmermann 2009) zur Erprobung des Konzepts mit Vorschulkindern, wie auch in der unten beschriebenen RCT mit Vorschulkindern, keine Bestätigung.

 

Aktuelles Teilprojekt: Entwicklung und Evaluation eines strategieorientierten, unterrichtsintegriertenFörderkonzeptes (WSU)

Verantwortlich: Vertr. Prof. Dr. Tanja Ulrich, Dr. Dana-Kristin Marks (LMU München), Univ-Prof. i.R. Dr. Hans-Joachim Motsch

Unter Mitarbeit von: Dr. Stephanie Riehemann, Dipl.-Päd. Mona Merten, Maria Lenzen, M.A.

Laufzeit: 2017- 2022

Kooperationspartner: Lehrstuhl für Sprachheilpädagogik und Sprachtherapie, LMU München

Ziel:

Die Strategietherapie "Wortschatzsammler" wurde im Rahmen von randomisierten und kontrollierten Interventionsstudien als effektive und effiziente Therapiemethode für lexikalisch gestörte Kinder im Vorschul- sowie Grundschulalter evaluiert (s.u.). Über die Vermittlung allgemeiner lexikalischer Lernstrategien werden Kinder mit Wortschatzdefiziten dazu in die Lage versetzt, eigenaktiv Wörter zu erwerben, einzuspeichern und abzurufen. Diese Fähigkeiten stellen sich insbesondere im Rahmen unterrichtlicher Kontexte als essenziell dar. So stehen alle Kinder im Grundschulalter vor der großen Aufgabe, jedes Schuljahr mehrere tausend Fachwörter sowie fremd- und bildungssprachliche Ausdrücke neu lernen zu müssen.

Das Forschungsprojekt verfolgt das Ziel, die erfolgreichen Prinzipien des Wortschatzsammlers aus dem therapeutischen Setting in den unterrichtlichen Kontext zu implementieren. Es wird ein Sprachförderkonzept entwickelt, das alle Schülerinnen und Schüler beim erfolgreichen Erwerb des unterrichtlichen Zielwortschatzes unterstützen soll. Die Einführung von Wortschatzsammler-Prinzipien im Unterricht soll nicht die notwendige Therapie lexikalisch gestörter Schülerinnen und Schüler ersetzen. Sie schafft spracherwerbsgestörten Schülern vielmehr Gelingensbedingungen für das Verstehen, das Einspeichern und den Abruf der Fachwörter.

Erste Machbarkeitsstudien, die im Rahmen kleinerer Pilotuntersuchungen an der Universität zu Köln sowie der LMU München durchgeführt wurden, sowie weitere Publikationen über Strategieeinsatz im Unterricht bestätigen die positiven Auswirkungen auf das Frageverhalten der Schüler sowie das Lernen desFachwortschatzes (Riefert/Rohlmann 2017, Bourscheid 2017, Heim/Jäger 2017, Schick 2016, Bastians 2015, 2016). Die Wortschatzsammler-Prinzipien lassen sich sowohl in den Unterricht der Primar- als auch der Sekundarstufe implementieren und eignen sich für förderschulische ebenso wie für inklusive Settings.

Auf der Basis dieser Erfahrungen wird derzeit ein detailliertes, an den Kompetenzerwartungen der Lehrpläne orientiertes, Förderkonzept entworfen. Wie in den beiden anderen Teilprojekten (s.u.) soll die Effektivität dieser strategieunterstützten Wortschatzarbeit auf einem möglichst hohen Evidenzlevel überprüft werden. Dazu ist eine kontrollierte und randomisierte Interventionsstudie in Planung.

Outcome:

Bourscheid, R. (2017): Elemente des Wortschatzsammlers im Sachunterricht -eine Machbarkeitsstudie in einer dritten Klasse einer Förderschule Sprache. Unver. Masterarbeit, Universität zu Köln

Heim, M., Jäger, S. (2017): „Der Wortschatzsammler im Unterricht" - eine Machbarkeitsstudie zur Adaption des Therapiekonzeptes an den sprachtherapeutischen Unterricht mit lexikalisch gestörten Schülern und Schülerinnen und dessen Auswirkungen auf unterschiedliche, lexikalische Fähigkeiten. Unveröffentlichte schriftliche Hausarbeit zur Erlangung des 1.Staatsexamens im Fach Sprachheilpädagogik, LMU München.

Riefert, J., Rohlmann, J. (2017): Wortschatzarbeit im Geometrieunterricht -Ein Vergleich von semantischer und phonologischer Elaboration und dem Wortschatzsammler. Unver. Masterarbeit, Universität zu Köln

Weitere Publikationen zum Einsatz von Strategien im Unterricht:

Bastians, E. (2016): „Wer weiß was zur Steinzeit? Wow! Wortschatz!" Fach-/Wortschatz-Lernstrategie-Training(FWLT). Praxis Sprache, 61 (4), 70-73

Bastians, E. (2015): „Wer weiß was?-Wow! Wortschatz!"Fach-/Wortschatz-Lernstrategie-Training (FWLT). Ein Beispiel zur Adaption des Konzepts „Wortschatzsammler" für die Sekundarstufe I im Rahmen inklusiver Beschulung. Praxis Sprache, 60 (3), 175-178

Schick, K. (2016): English all inclusive? - Wortlernstrategien im inklusiven Englischunterricht. In: Grundschulmagazin Englisch (2), 31-34

 

Abgeschlossenes Teilprojekt: Randomisierte undkontrollierte Interventionsstudie mit Schulkindern (WES)

Verantwortlich:  Prof. Dr. Hans-Joachim Motsch

Projektkoordination:  M.A. Dana-Kristin Marks

Unter Mitarbeit von: stud. päd. Okan Demircan, stud. päd. Anne Kothe, stud. päd. Evelyn Kunath, stud. päd. Kristina Machalz, stud. päd. Frederike Mey, stud. päd. Paulina Mondovits, Dipl. päd. Sabine Müller, stud. päd. Ingrid Schmickler

und 11 Förderschullehrerinnen und Förderschullehrern der Interventionsschulen

Kooperationspartner: 12 Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt Sprache in NRW

Drittmittelprojekt: Gefördert durch das ZMI (Zentrum für Mehrsprachigkeit und Integration der Bezirksregierung Köln, der Stadt Köln und der Universität zu Köln)

Laufzeit: 2012-2015

Effektivität der „Wortschatzsammler“-Strategietherapie im Einzel- und
Kleingruppensetting bei ein- und mehrsprachigen Schülern


Die nachgewiesene Wirksamkeit der „Wortschatzsammler“-Therapiemethode im Vorschulalter (vgl. Outcome Motsch & Ulrich 2012, Ulrich 2012) liefert den Anlass, die Effektivität dieses Konzepts für die nachfolgende Altersgruppe der Schulkinder zu überprüfen. Da in diesem Alter die Peer Group eine immer wichtigere Bezugsgröße wird, soll die Frage nach dem Nutzen des Lernens in kleinen Gruppen (am Modell Gleichaltriger) einbezogen werden. Zunehmend dringlicher wird auch die Frage nach effektiven Behandlungsmöglichkeiten bei lexikalisch gestörten, mehrsprachig aufwachsenden Kindern. Bislang findet sich gerade für diese Klientel nur eine unzureichende Datenbasis. Theoretisch betrachtet ist durch einen strategieorientierten Therapieansatz sogar ein größerer Profit zu erwarten als bei den einsprachigen Kindern. Das Forschungsprojekt beschäftigte sich folglich mit der Effektivität der „Wortschatzsammler“-Therapie im Schulalter und verglich die Effektivität des Einzelsettings gegenüber dem Kleingruppensetting sowie die Effektivität dieser Therapiemethode bei ein- und mehrsprachigen Schülern. Neben Generalisierungseffekten auf ungeübtes Wortmaterial im Deutschen sollten auch Transferleistungen auf Satzebene und die nicht-deutsche Sprache erfasst werden. 

Methode

Die randomisierte und kontrollierte Interventionsstudie (RCT, N=157) evaluierte von Dezember 2012 bis Oktober 2013 die Effektivität des für das Schulalter adaptierten Therapiekonzepts „Der Wortschatzsammler“ (Motsch, 2008). Die Effekte dieser lexikalischen Strategietherapie (EG) wurden in einem Prä-Post-Test-Design (T1 – Intervention - T2) mit denen einer nicht spezifischen Strategietherapie (KG) verglichen. Durch einen Follow-Up-Test (T3) vier Monate nach Interventionsabschluss sollten mögliche (langfristige) Generalisierungseffekte nachgewiesen werden. Insgesamt nahmen 157 Schüler mit dem Förderschwerpunkt Sprache aus NRW an der Studie teil, deren Therapiebedürftigkeit im lexikalischen Bereich über den WWT 6-10 (Glück, 2011) ermittelt wurde. Die Probanden waren zu Interventionsbeginn im Durchschnitt 9;6 Jahre alt (SD=.23), 31,2% waren weiblichen Geschlechts. Die teilnehmenden Schüler wurden randomisiert zwei Untersuchungsgruppen zugeordnet: einer Kontrollgruppe (n=79) und einer Experimentalgruppe (n=78). In beiden Untersuchungsgruppen stellen mehrsprachig aufwachsende Kinder die Hälfte der Probanden dar (jeweils 39, insgesamt 78 Kinder). Nach der Randomisierung befanden sich in der EG 14,in der KG 12 türkisch-deutschsprachige Schüler. Die Schüler der Kontrollgruppe erhielten weiterhin regulär den ihnen zustehenden sprachtherapeutischen Unterricht an der Förderschule. Die Kinder der Experimentalgruppe erhielten über den sprachtherapeutischen Unterricht hinaus Therapiesitzungen mit der zu evaluierenden Behandlungsmethode. Die Experimentalgruppe wurde noch in zwei Untergruppen eingeteilt (ebenfalls randomisiert): in 40 Einzeltherapien (EG 1) und 19 Kleingruppentherapien (EG 2, n=38 Schüler).

Die Intervention erfolgte im Anschluss an die Auswahldiagnostik in den Förderschulen über einen Zeitraum von 5 Monaten einmal wöchentlich (30 Minuten im Einzelsetting, 45 Minuten im Kleingruppensetting) und umfasste 20 einzelne Therapiesitzungen mit dem „Wortschatzsammler-Konzept“ für das Schulalter (Motsch et al., 2015). In den ersten beiden Interventionswochen fanden zwei Einheiten pro Woche statt, um die neuen lexikalischen Strategien und deren Gebrauch hochfrequent anzubieten.

Der Therapieeffekt wurde über den Vergleich der erhobenen lexikalischen Leistungen vor, direkt nach und vier Monate nach Interventionsabschluss erfasst (WWT 6-10 deutsch, Subtest „Handlungssequenzen“ aus dem SET 5-10, für eine Teilstichprobe: Subtest 1 „Analogien bilden“ und Subtest 2 „Wortschatz“/Teil-Ganzes-Relationen aus dem P-ITPA). Die Ermittlung von Transfereffekten bei Mehrsprachigkeit, hier exemplarisch auf die türkische Sprache bezogen, erfolgt über die erneute Erhebung der lexikalischen Leistungen im WWT 6-10 türkisch (expressiv und rezeptiv) zum Zeitpunkt T3.

 

Ergebnisse

Die Probanden, die die Strategietherapie erhalten haben, konnten ihrelexikalischen Leistungen auf Wort- und Satzebene (Benennleistungen, Assoziations-, Satzergänzungs- und Satzverständnisleistungen) signifikant bis höchst signifikant verbessern. Da es keine Überschneidungen des Therapiewortschatzes mit den Zielitems der Testverfahren gab, kann hier von einem Generalisierungseffekt auf ungeübtes Wortmaterial ausgegangen werden. Dieser Effekt ist vier Monate nach Abschluss der Intervention nachweisbar und kann damit als langfristig bezeichnet werden. In der Gegenüberstellung zur weiterhin geförderten Kontrollgruppe verzeichnete die Experimentalgruppe dabei nicht nur einen vergleichbar guten Leistungszuwachs, sondern ist dieser auch in den verschiedenen Feststellungsverfahren statistisch signifikant überlegen (eine Ausnahme: im UT1 P-ITPA findet sich lediglich eine deskriptive Überlegenheit). Mehrsprachige Schüler profitierten in mindestens gleichem, tendenziell sogar in höherem Maße von der Strategietherapie als ihre monolingualen Peers und konnten sich so dem Niveau der monolingual deutschsprachigen Kinder zunehmend annähern. In beiden Therapiesettings, Einzeltherapie und Kleingruppentherapie, verbesserten sich die Schüler hinsichtlich ihrer Wortschatzleistungen in etwa gleichem Maße. Auch die mehrsprachigen Schüler profitierten in beiden Settings, tendenziell mehr in einer Kleingruppentherapie (insbesondere bzgl. des Leistungszuwachses in der Bildbenennleistung (T-Wert, WWT 6-10 expressiv). Der Profit war dabei unabhängig vom sprachlichen Hintergrund des Gruppenpartners. Bei den einsprachigen Schülern profitierten interessanterweise einsprachige Schüler wesentlich mehr vom Kleingruppensetting, wenn ihre Partner mehrsprachig waren, als wenn sie gemeinsam mit anderen einsprachigen Kindern therapiert wurden. Die Übernahme des Therapiekonzepts in, im schulischen Rahmen übliche, Förderstunden mit Kleingruppen (n=2) kann demzufolge empfohlen werden. Darüber hinaus zeigten sich bei den türkisch-deutschsprachigen Probanden der Experimentalgruppe größere Effekte im Leistungszuwachs des expressiven und rezeptiven türkischen Wortschatzes und im Leistungszuwachs in beiden Sprachen (deutsch plus türkisch) als in der Kontrollgruppe, was auf die gewünschten cross-linguistische Transfereffekte auf die L1 der monolingual deutschsprachigen Strategietherapie hinweist.

Für zukünftige Studien wäre es denkbar, einen noch stärkeren Fokus auf die Kooperation mit den (ein- und mehrsprachigen) Bezugspersonen zu legen und so die Transfereffekte noch weiter zu erhöhen. Ebenso wäre es von Forschungsinteresse, die Anwendung der gelernten Strategien in alltäglichen Kommunikationssituationen zu evaluieren. 

Insgesamt zeigen die Ergebnisse dieser Interventionsstudie, dass mit dem neuen Therapieformat des Wortschatzsammlers für das Schulalter eine gute Nachfolge des Vorschulalter-Konzepts entwickelt wurde, welches auch noch die älteren, ein- und mehrsprachigen, Grundschüler (Drittklässler) anspricht. Gemeinsam mit den Erkenntnissen aus der vorangegangenen Interventionsstudie (Motsch& Ulrich, 2012) lässt dies den Schluss zu, dass die „Wortschatzsammler“-Therapie sowohl für den Vorschul- als auch den gesamten Primarstufenbereich ein effektives Behandlungskonzept bei lexikalischen Störungen darstellt.

 

 

Outcome

Motsch, H.-J., Marks, D.-K. (2016): Crosslinguistische Transfereffekte lexikalischer Strategietherapie im Deutschen (L1) auf das Türkische (L1). In: Sprache-Stimme-Gehör, 40/4, 196-201.

 

Marks, D.-K. (2015): Wortschatzsammler im Schulalter - Kasuistische Illustrationen. Logos, 23 (4), 280-289. 

 

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Literatur

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Tietig, S. (2011): Strategietherapie - der Wortschatzsammler - mit lexikalisch gestörten Schülern im Gruppensetting. Examensarbeit zum 1. Staatsexamen im Lehramt Sonderpädagogik. Köln: Universität zu Köln

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Abgeschlossenes Teilprojekt: Randomisierte und kontrollierte Interventionsstudie mit Vorschulkindern (WSV)

 

Verantwortlich: Prof. Dr. H.-J. Motsch

Projektkoordination: Dr. Tanja Ulrich

Unter Mitarbeit von: Dr. Andreas Mayer, Dr. Claudia Wahn, Dipl. Päd. Detta Schwab, Dipl. Päd. Pia Zimmermann, Dipl. Päd. Hannah Maria Jansen, stud. päd. Sonja Rente, Dipl. Päd. Kira Schneggenburger, stud. päd. Christopher Teichmann, stud päd. Sadja Tietig

Kooperationspartner: Amt für Kinder, Jugend und Familie der Stadt Köln und 43 Kindertagesstätten der Stadt Köln

Laufzeit: 2008-2012

Elaborations- versus Strategietherapie

Neben der Strategietherapie „Wortschatz-Sammler“ wurde eine weitere Therapie­methode, der „Wortschatz-Finder“, entwickelt. Dabei handelt es sich um eine semantisch-phonologische Elaborationstherapie. Diese wurde von Glück (2003) als bisher effektivste Methode zur Therapie lexikalischer Störungen eingeschätzt, ihre Effektivität wurde bisher aber nur anhand von kleinen Fallstudien nachgewiesen. Das Forschungsprojekt beschäftigt sich folglich mit dem Vergleich der Effektivität einer strategieorientierten lexikalischen Therapie mit der einer semantisch-phonologischen Elaborationstherapie. Neben den unmittelbaren Therapieeffekten auf die geübten Wörter sollen insbesondere langfristige Generalisierungseffekte erfasst werden.

Methode

Von August 2009 bis Oktober 2010 wurde eine randomisierte und kontrollierte Gruppenstudie durchgeführt. Dabei wurde die Effektivität der „Wortschatz-Sammler“ - Methode (Experimentalgruppe 1) mit der Methode „Wortschatz-Finder“ (Experimen­talgruppe 2) verglichen. Zusätzlich sollten unspezifische Effekte über den Vergleich mit einer unbehandelten Kontrollgruppe ausgeschlossen werden. Es nahmen insgesamt n=82 Kinder an der Interventionsstudie teil; die Kinder wurden randomisiert einer der drei Versuchsgruppen zugeteilt. Die Probanden waren sprachentwicklungsgestörte Kinder im Alter von 4; 0-4; 11 Jahren, die monolingual deutsch aufwuchsen und deren Therapiebedürftigkeit im lexikalischen Bereich über einen T-Wert ≤ 40 im AWST-R (Aktiver Wortschatz-Test, Kiese-Himmel 2005) nachgewiesen wurde. Die Kinder wurden aus Kindertagesstätten der Stadt  Köln rekrutiert. Dort fand auch die Intervention statt. Sie wurde über den Zeitraum von fünf Wochen mit einer Frequenz von drei Therapieeinheiten à 30 Minuten pro Woche durchgeführt und beinhaltete 13 Einzeltherapien mit den Kindern sowie ein bis zwei Termine zur Anleitung und Beratung der Eltern. Die Therapieeffekte wurden zum einen unmittelbar durch einen Vergleich der Benennleistung für die Therapieitems vor und nach der Therapie überprüft. Im Vordergrund stand jedoch der Vergleich der langfristigen Generalisierungseffekte auf ungeübtes Wortmaterial, die über den aktiven Wortschatzumfang im standardisierten und normierten AWST-R (Kiese-Himmel 2005) 6 und 12 Monate nach Abschluss der Intervention verblindet erfasst wurden. Zudem wurde der mögliche Einfluss mehrerer im Vortest erhobener Parameter (u.a. nonverbale Intelligenz, Kapazität des Arbeitsgedächtnisses) auf die Ergebnisse überprüft.

Ergebnisse

Im Vergleich der beiden Therapiemethoden zeigte sich in mehreren Bereichen eine Überlegenheit der Strategietherapie  „Wortschatzsammler“ gegenüber der Elabora­tionstherapie „Wortschatzfinder“. So erreichten die Kinder der „Wortschatzsammler“-Gruppe 6 und 12 Monate nach Abschluss der Intervention bessere Werte im standardisierten aktiven Wortschatztest; sechs Monate nach Abschluss der Intervention war dieser Unterschied statistisch signifikant. Zudem wurde nur in der „Wortschatzsammler“-Gruppe ein langfristig stabiler Lerneffekt für die Wörter des exemplarischen Therapiewortschatzes erzielt.

Verglichen mit der Kontrollgruppe erreichten die Kinder beider Experimentalgruppen zwar bessere Werte im aktiven Wortschatztest, ein statistisch signifikanter Unter­schied zur Kontrollgruppe wurde aber nur für die „Wortschatzsammler“-Gruppe 12 Monate nach Abschluss der Intervention gefunden. Während vor allem Kinder mit guten kognitiven Fähigkeiten von der allgemeinen Sprachförderung in der Kontroll­gruppe profitierten, waren in den beiden Experimentalgruppen die Fortschritte im aktiven Wortschatzwachstum unabhängig von Faktoren wie nonverbaler Intelligenz oder Kapazität des phonologischen Arbeitsgedächtnisses.

In dieser randomisierten und kontrollierten Interventionsstudie konnte somit gezeigt werden, dass lexikalische Strategietherapie bereits mit Kindern im Alter von vier Jahren umsetzbar ist. Es finden sich erste Belege dafür, dass sie der Effektivität der traditionellen Elaborationstherapie überlegen ist.

Outcome

Motsch, H.-J., Brüll, T. (2009): Der Wortschatz-Sammler: Interventionsstudie zum Vergleich lexikalischer Strategie- und Elaborationstherapie. In: Vierteljahresschrift für Heilpädagogik u.i.N. (VHN) 4, 346-347.

Motsch, H.-J., Ulrich, T. (2012): Effects of the strategy therapy 'lexicon pirates' on lexical deficits in preschool age: A randomized controlled trial. In: Child Language Teaching Therapy 28, 2, 157-175.

Motsch, H.-J., Ulrich, T. (2013): "Wortschatzsammler" und "Wortschatzfinder". Effektivität neuer Therapieformate bei lexikalischen Störungen im Vorschulalter. In: Sprachheilarbeit 57 (2), 69-78.

Ulrich, T., Schneggenburger, K. (2012): Lexikalische Strategietherapie für Vorschulkinder mit dem "Wortschatzsammler". In: Sprachförderung und Sprachtherapie 2, 63-71.

Ulrich, T. (2012): Effektivität  lexikalischer Strategietherapie im Vorschulalter. Eine randomisierte und kontrollierte Interventionsstudie. Aachen: Shaker