Professur Roth

Interkulturelle Kommunikation, vierdimensional betrachtet

Georg Auernheimer

1. Einleitung

Gehen wir zuerst einmal von einer Situation aus, wie man sie typischerweise in der Literatur über interkulturelleKommunikation findet, und schauen wir uns zum Beispiel die Verstörung an, die durch kulturell unterschiedlicheBegrüßungsrituale entstehen kann! Was passiert etwa, wenn jemand in einem kulturellen Umfeld, wo man sich zur Begrüßung dieHand zu geben pflegt, die Hand nicht zum Gruß hinstreckt? Er oder sie enttäuscht die Erwartung des Kommunikationspartners undvermittelt diesem unter Umständen das Gefühl der Missachtung oder Distanz. Das heißt, es kommt zu einer Störung auf der"Beziehungsebene", die man seit Watzlawick von der "Inhaltsebene" unterscheidet. Beim "enttäuschten" Kommunikationspartnerbildet sich zugleich aufgrund der divergenten Erwartungen eine Vorstellung vom anderen, etwa als unhöflichem Menschen. Es seidenn, er vermutet bereits eine Differenz der Kulturmuster dahinter.

Meine erste These ist: Kommunikationsstörungen entstehen durch divergente Erwartungen, die zu Erwartungsenttäuschungenführen. Meine zweite These ist: Die entscheidende Störungsquelle liegt, wenn man sich die Beispiele in der einschlägigenLiteratur ansieht, nicht auf der "Inhaltsebene", sondern auf der "Beziehungsebene". Probleme der Sachklärung entstehen in derRegel nur dann, wenn das sprachliche Repertoire eines Kommunikationspartners oder beider dafür unzureichend ist. (Ichunterstelle hier in meinen Formulierungen der Einfachheit halber immer eine Zweierkonstellation.)

2. Der Beitrag der Kommunikationspsychologie

Aufschlussreich für die Analyse interkultureller Kommunikationssituationen sind daher die von der Kommunikationspsychologie -wenn auch nicht für diesen Zweck - entwickelten Modelle. Ich greife dabei auf das von Schulz von Thun im Anschluss anWatzlawicks Zwei-Ebenen-Modell entwickelte Analyseschema, das sogenannte "Nachrichtenquadrat" zurück (Schulz von Thun 1981).Er unterscheidet neben der "Inhaltsebene", bei ihm "Sachseite" genannt, und der "Beziehungsseite" noch zwei Seiten, auf denenBotschaften vermittelt und empfangen werden, und zwar mit jeder Nachricht, so seine Annahme, nämlich die"Selbstkundgabeseite" und die "Appellseite". Der Beziehungsseite sind die Komponenten einer Äußerung zugeordnet, mit denenich mitteile, was ich vom anderen halte, wie ich die Beziehung definiere. Auf der Appellseite wird mitgeteilt, was icherwarte, wozu ich den anderen veranlassen möchte. Einleuchtend ist, dass wir mit jeder Äußerung, ja mit unserem ganzenVerhalten - absichtlich oder nicht - auch etwas von uns offenbaren - die sog. Selbstkundegabe - , wobei man sogleichhinzufügen muss, dass dies von jemandem, der mit uns nicht die gleichen Kulturmuster teilt, ganz anders verstanden werdenkann. Ein abweichendes Begrüßungsritual kann eben als Unhöflichkeit gedeutet werden, das Danke auf ein Kompliment - vonJapanern und Chinesen etwa - als Mangel an Bescheidenheit, ja Arroganz (Günthner 1989, Knapp 2002). Auch auf der Appellseiteließen sich rasch Beispiele für kulturell bedingte Missverständnisse finden. So werden uns fremde Begrüßungsformeln wie "Howare you" oder (türkisch) "Nasilsiniz" leicht als Aufforderung oder Angebot missdeutet, etwas über seine Befindlichkeit zuerzählen (Kotthoff 1989). Unverbindlich gemeinte Routineformeln wie "Komm mal vorbei!" können als Einladung missverstandenwerden (Günthner 1989, Knapp 2002).

Für die Aufklärung von Störungen der interkulturellen Kommunikation können wir meines Erachtens auch diekommunikationspsychologische Kategorie der "inkongruenten Nachricht" und den Hinweis auf "einseitige Empfangsgewohnheiten"(Schulz von Thun 1992) nutzen. Die Annahme, dass jede Nachricht viele Botschaften enthält, legt nahe, dass es zu einemDurcheinander kommen kann. Die Inkongruenz oder Widersprüchlichkeit einer "Nachricht", nach Schulz von Thun meist bedingtdurch Unschlüssigkeit, innere Konflikte beim "Sender", kann in einer interkulturellen Situation auch dadurch entstehen, dassmit einer verbalen Äußerung die nonverbalen Mitteilungen nicht im Einklang stehen, weil sie einem in der fremden Kulturunpassenden Muster folgen. Zum Beispiel kann die Art, in der deutsche Pädagogen Lob oder Tadel auszudrücken pflegen, zuIrritationen führen, wenn man dies im anderen Milieu mit mehr Emotionalität, Anzeichen von Anerkennung, Zorn, Ärger,mitzuteilen pflegt.

Wenn wir davon ausgehen, dass das Verständigungsproblem in interkulturellen Beziehungen weniger auf der Sachseite zu suchenist, so kommt verschärfend etwas hinzu: Auf der Beziehungs-, Selbstkundegabe- und Appellseite wird fast ausschließlichnonverbal kommuniziert. Die Botschaften werden hier über Mimik, Gestik, räumliche bzw. körperliche Nähe und Distanz und auchüber sprachliche Intonation, also paralinguistische Äußerungen, ausgetauscht. Gerade die Kulturspezifik dieser Codes ist aberden Beteiligten in der Regel am wenigsten bewusst.

3. Die Mehrdimensionalität der Problematik

Die kommunikationspsychologischen Überlegungen lassen uns auch die Fixierung auf differente Kulturmuster als eineBeschränkung erkennen. Suchen wir nach Faktoren, die die Erwartungen der Teilnehmer in der interkulturellen Kommunikationbestimmen (können), so sind unter kommunikationspsychologischer Perspektive noch weitere Dimensionen zu berücksichtigen,.Insgesamt unterscheide ich vier:

  1. Machtasymmetrien
  2. Kollektiverfahrungen
  3. Fremdbilder
  4. die Differenz der Kulturmuster

Selbstverständlich sind diese vier Dimensionen nur analytisch zu trennen und zumindest zum Teil voneinander abhängig undineinander verschränkt. Die Kollektiverfahrungen hängen eng mit Machtasymmetrien zusammen. Wir brauchen nur an dieDiskriminierungserfahrungen von "Ausländern" zu denken. Die Fremdbilder sind teilweise durch die jeweiligenKollektiverfahrungen bedingt, aber zugleich diskursiv hergestellt und damit ein Element von Kultur.

Ich möchte das Ineinanderspielen der vier Dimensionen an einem Fallbeispiel veranschaulichen1: Eine Polizeistreife hält nacheiner Geschwindigkeitsmessung ein Auto mit mehreren Jugendlichen türkischer Herkunft an. Nachdem der Fahrer ausgestiegen ist,steigen auch die anderen aus und bilden einen Ring um die zwei Beamten. Nur mit Mühe können diese deutlich machen, dass sienicht ,eingekesselt' werden möchten. Sie fordern die Jugendlichen auf, Abstand zu halten, was diese veranlasst, das ganzeVorgehen mit ihrer Gruppenzugehörigkeit als Türken zu erklären. "Ihr habt uns nur angehalten, weil..." Die Beamten werdenprovoziert. Als die verbalen Attacken immer aggressiver werden, rufen die Polizisten Verstärkung.

Ich denke, es ist plausibel, dass hier die Machtasymmetrie, auf Seiten der Jugendlichen verbunden mit früherenDiskriminierungserfahrungen als Ausländer, die Kommunikation beeinträchtigt hat und den Konflikt eskalieren ließ. SolcheErfahrungen müssen übrigens die Beteiligten nicht selber gemacht haben (vgl. Mecheril 2000). Auf beiden Seiten waren wohlauch Fremdbilder im Spiel, die affektive Reaktionen begünstigten: bei den Jugendlichen ein Bild von deutschen Polizisten, dassie ein übereifriges, ungerechtes Vorgehen gegen Türken erwarten ließ, bei den Beamten das Stereotyp von gewaltbereitentürkischen Jugendlichen. Und eventuell ist auch ein kulturelles Handlungsmuster wirksam gewesen, als die Jugendlichen alleausstiegen, um Solidarität mit ihrem Freund (arkadas) zu demonstrieren.

In der umfangreichen Literatur über interkulturelle Kommunikation und Kompetenz, die es inzwischen auch in deutscher Sprachegibt, ist eine Tendenz zur einseitig kulturalistischen Betrachtung festzustellen. Das heisst, die speziellen Schwierigkeiteninterkultureller Verständigung werden meist allein auf die Differenz der kulturellen Codes zurückgeführt. Das gilt besondersfür die angloamerikanische Forschung, aber auch für die psychologische Austauschforschung in Deutschland. Machtasymmetrienund Fremdbilder werden zwar in den Texten von Alexander Thomas, dem namhaften Vertreter dieser Richtung, en passant erwähnt,sind aber nicht eigentlich Thema. Im Fokus der Betrachtung stehen immer die unterschiedlichen "Kulturstandards". Dabei legenviele "critical incidents", mit denen Autoren ihre Annahmen beispielhaft belegen wollen, es nahe, auch andere Faktoren beider Interpretation in Rechnung zu stellen. (Die Schwierigkeit einer kommunikativ überprüfbaren Interpretation ergibt sichübrigens daraus, dass die Situationen oft zu wenig konkret geschildert sind.) Exemplarisch möchte ich ein Fallbeispiel vonTriandis/Vassiliou (zit. nach Thomas, in press) heranziehen. Ein US-amerikanischer Manager erteilt seinem griechischenMitarbeiter einen Auftrag und will wissen, wieviel Zeit dieser dafür veranschlagt. Der Grieche nennt einen Zeitraum, den derAmerikaner für unrealistisch hält, weshalb er eine Verlängerung vorschlägt. Als der vereinbarte Termin fällig wird, ist derAuftrag nicht erledigt. Der Mitarbeiter vertröstet den Vorgesetzten auf morgen, was diesen veranlasst, an die Abmachung zuerinnern. Darauf kündigt der Mitarbeiter. Dieser Konflikt, bei dem vieles offen bleibt, wird mit kulturspezifischen Arbeits-und Kooperationsstilen erklärt, ohne die doppelte Asymmetrie, bedingt durch die betriebliche Hierarchie und das Prestige derUSA, zu berücksichtigen.

In der deutschsprachigen Fachdiskussion, der pädagogischen zumindest, wird zunehmend die Mehrdimensionalität interkulturellerKommunikationsprobleme betont (vgl. die Beiträge in Auernheimer 2002 b) und besonders der Machtaspekt hervorgehoben. Aberauch in angloamerikanischen Beiträgen findet man Bemühungen um eine erweiterte Problemsicht, wobei wiederum vor allemAutor(inn)en aus dem Feld von Sozialarbeit und Theraphie Sensibilität für Rassismen entwickelt haben (Auernheimer 2002 a).

4. Zu Fremdbildern und Stereotypen

Dass unsere Bilder von anderen unsere Erwartungen und Erwartungserwartungen (Der andere denkt sicher, dass ich...) und damitunsere Aktionen und Reaktionen steuern, ist so plausibel, dass sich breite Ausführungen dazu erübrigen. Wichtig erscheint mirnur der Hinweis darauf, dass unsere Stereotypen und Vorurteile nicht rein individueller Natur sind, sondern sich ausgesellschaftlichen Diskursen speisen. Die Fremdbildkonstruktionen greifen dabei meist, zum Beispiel beim Islam, aufhistorisch ältere Diskursstränge zurück (vgl. Said 1981).

Angehörige der "Dominanzkultur" (Rommelspacher) neigen in besonderer Weise zur Stereotypisierung gegenüber Minderheiten, weildie Dominanzkultur über einen - oft tradierten - Fundus an Bildern von den unterlegenen Gruppen verfügt. Der Extremfall sindRassismen. Kortram/van Onna (1993) meinen aufgrund einer niederländischen Untersuchung feststellen zu können, dass dieVerwendung von Stereotypen bei Minderheitenangehörigen - anders als bei den Mehrheitsangehörigen - eher einen individuellenCharakter hat. Auch sie stereotypisieren die Niederländer, schöpfen aber nicht aus einem kulturellen Reservoir. Man könntedas damit erklären, dass Minderheiten geringen oder keinen Einfluss auf die öffentlichen Diskurse haben. Machtasymmetrie undFremdbildkonstruktionen sind also in einem Zusammenhang zu sehen.

Wir tendieren als Mehrheitsangehörige im Fall von Kommunikationsstörungen stärker zur Ethnisierung, um uns damit von derVerantwortung zu entlasten, wie Äußerungen von Referendar(inn)en in der Untersuchung von Bender-Szymanski (2001)demonstrieren. Die Ethnisierung ist in ihrer Funktion mit der Strategie der Psychologisierung zu vergleichen (dazu Schulz vonThun 1992). Indem ich dem Gesprächspartner gewisse ethnische Eigenheiten oder "Mentalitäten" (z.B. Impulsivität, geringeRationalität) zuschreibe, kann ich ihn allein für Missverständnisse oder Konflikte verantwortlich machen.

Einer kurzen Betrachtung wert sind die seltsamen Konstellationen, die sich daraus ergeben können, dass die Kommunizierendenoft die Stereotypen der Gegenseite über ihre Eigengruppe kennen oder zu kennen meinen, was sie häufig veranlasst, diesemöglichst durch ihr Verhalten zu dementieren. Besonders Intellektuelle und andere Gruppen mit Individualismusneigung möchtennicht gern das ethnische Stereotyp von ihrer Herkunftsgruppe auf sich angewandt haben. Deutsche geben sich oft im Auslandbetont "undeutsch". Kontaktpersonen aus dem türkischen Migrationskontext missachten zum Beispiel, auch wenn ihnen derSchweinebraten nicht schmeckt, traditionelle Speisevorschriften, um ihre Unabhängigkeit von Traditionen zu demonstrieren.Ebenso mag mancher Bayer seine progressiven Ansichten hervorkehren, um das Klischee vom konservativen, garhinterwäldlerischen Bayern zu negieren. Es kann zu paradoxen Situationen kommen, wenn etwa ein Deutscher sich mit seinempolnischen Kooperationspartner schwer tut, der alles mit "preußischer" Akkuratess angeht, weil er dem Vorurteil von der"polnischen Wirtschaft" begegnen möchte. Solchen Phänomenen verwandt ist die Übergeneralisierung, die im frühen Stadium vonAkkulturationsbemühungen entsteht, wo der Lernende nur ein sehr grobes, klischeehaftes Bild von der fremden Kultur hat, sodass sich dann zum Beispiel ein Austauschstudent unbeholfen im amerikanischen way of life versucht.

Das Wissen um die Stereotypen der anderen kann im Gegensatz zur ersten Konstellation je nach Interessenlage und Selbstbildauch dazu führen, dass man das Fremdstereotyp positiv bestärkt. Zum Beispiel kann es für den Tourismus förderlich sein, die"kulturelle Rolle" (Greverus 1978) des Bayern, Tirolers oder Spaniers zu übernehmen und auszuagieren. Bommes (1990) deutetauch die "Selbstethnisierung" mancher Jugendlicher türkischer Herkunft, die mit den staatlichen Kontrollinstanzen in Konfliktkommen, als interessengeleitet. Denn mit Selbstdarstellungen nach dem Motto "Die meisten türkischen Väter sind so" wird aufNachsicht gerechnet. Nach Bommes machen sich die Jugendlichen das sozialwissenschaftliche Vokabular und die Fremdbilder derSozialarbeiter zunutze.

5. Über Drehbücher des Alltagslebens

Auch die Behandlung der kulturspezifischen Muster kann knapp ausfallen, weil diese, wie gesagt, in der Literatur ohnehin denbreitesten Raum einnimmt. Die Bezeichnungen und Konzepte sind je nach Disziplin und Forschungsansatz verschieden. Neben demhäufig verwendeten Begriff "Codes" findet man in der Austauschpsychologie den Begriff "Kulturstandards". Knapp (2002) sprichteinfach von "Konventionen des Kommunizierens".

Aufschlussreich ist das in der Konversationsanalyse verwendete Konzept der "Scripts", zu deutsch "Drehbücher". Zugrunde liegtdie Annahme, dass wir nach konventionell vorgegebenen Drehbüchern kommunizieren, die uns in der Regel nicht bewusst sind,weil sie nicht thematisiert werden. Sie brauchen nicht thematisiert zu werden, weil jede(r) sie kennt, aber eben nur jeder,der zur gleichen Kulturgruppe, zum gleichen Milieu, zur selben Institution gehört. Die Scripts bestimmen unsereNormatitätserwartungen. Werden diese nicht erfüllt, kommt es zu Irritationen. Das Konzept der Scripts macht auchverständlich, dass für Fremde, etwa für Einwanderer, das Erlernen des korrekten Kommunikationsstils schwierig ist, weil dieDrehbücher teilweise situationsspezifisch sind, was ein Gespür für die jeweiligen Feinheiten oder situativen Spezifikaverlangt. Gut nachvollziehbar wird das daran, dass wir alle uns in einer uns fremden Institution oder in einem fremden Milieuunsicher bewegen. Die selbe analytische Funktion wie der Begriff Script hat der Begriff "frame". Gemeint ist die "Rahmung"einer Kommunikationssituation, deren Unkenntnis zu Kommunikationsstörungen führt.

Zieht man die soziologische Kategorie der "Rolle" heran, so wird man auf die vielfach kulturspezifischen Rollenerwartungenaufmerksam. Die Rolle des Lehrers etwa wird in vielen Gesellschaften anders definiert als im heutigen Deutschland (wobeiDifferenzen zur früheren DDR ein interessanter Untersuchungsgegenstand sein könnten). Gotowos (1981) hat zum Beispiel in derfrühen Phase der Arbeitsmigration festgestellt, dass griechische "Gastarbeiterkinder" sich mit der bei uns üblich gewordenenSpezifik von Lehrer- und Schülerrolle schwer taten. Sie bezogen etwa einen Tadel auf die ganze Person. An solchen Beispielenwird deutlich, dass hier Modernisierungsprozesse die Differenz (mit)bedingen. Das gilt wohl auch für das Verständnis vonöffentlicher Verwaltung und sozialen Einrichtungen und die damit verbundenen Rollenerwartungen an die Beschäftigten, wobei esda sogar innerhalb Europas Unterschiede geben soll (Schiffauer u.a. o.J.). Geschlechtsspezifische Rollenerwartungen können zuErwartungsdiskrepanzen führen, wie sie Akgün (1998) an einem Erlebnis als Familienberaterin verdeutlicht, wo ein Klientbeharrlich nach dem "Herrn Doktor" fragte und sich zunächst nicht mit ihr zufrieden geben wollte.

6. Machtasymmetrien und Diskriminierungserfahrungen

Sehr viele interkulturelle Beziehungen, wenn nicht die meisten, sind durch Machasymmetrien, nämlich durch Ungleichheit desrechtlichen und sozialen Status oder Wohlstandsgefälle gekennzeichnet. Ich denke an Beziehungen zwischen In- und Ausländern,zwischen Menschen der sog. Ersten und der Dritten Welt. Minderheiten haben generell meist weniger gesellschaftlicheEinflussmöglichkeiten.

Macht lässt sich definieren durch ein Mehr an Ressourcen und damit Handlungsmöglichkeiten aufgrund von sozialem Status,rechtlichem Status, besserer sozialer Netzwerke, von Mehr an Wissen oder besserem Zugang zu Informationen. Macht als"diskursive Macht" impliziert das Privileg zu entscheiden, was Thema sein kann oder darf. In der Kommunikation mitZuwanderern ergibt sich eine starke Asymmetrie oft schon dann, wenn sie die Sprache nur unzureichend beherrschen. Wenn mansein Anliegen nicht differenziert genug vortragen oder auch sich selbst nicht angemessen darstellen kann (betr. dieSelbstkundgabeseite), kommt es zu Frustrationen. Eine gewisse Infantilisierung stellt sich ein (Knapp 2002, S.67). Bei vielenfür uns relevanten Beziehungen kommt zu der Machtasymmetrie zwischen Deutschem und Ausländer noch die institutionell bedingteAmtsautorität (z.B. des Schulleiters gegenüber Eltern, des Sozialarbeiters gegenüber Klienten).

Statushöhere haben mehrere Privilegien. Ihr erstes Privileg ist, wie gesagt, die Definitions- und Deutungsmacht. DerÜberlegene kann implizit den thematischen Rahmen einer Kommunikation bestimmen oder neu bestimmen (Framing und Reframing).Oft ist sich der nachrangige Kommunikationspartner schon aufgrund seines Vorwissens darüber im klaren, was Thema sein kann,was Tabu sein sollte. Der Mächtige definiert die Situation (Kortram/von Onna 1993: "dominante Situationsdefiniton") und weistdie Rollen zu (Kortram/von Onna 1993: "selektive Rollenzuweisung"). Dergleichen geschieht selbstverständlich nicht explizitsprachlich, sondern meist nonverbal wie viele Beziehungsdefinitionen, oft auch schon vorweg institutionell. Beispiele für dieselektive Rollenzuweisung an Mitarbeiter/innen aus dem Migrationskontext findet man in Schulen und sozialen Diensten. DerSprachwissenschaftler Hinnenkamp (1989) hat in seinen Konversationsanalysen das "Platzzuweisen-Können" als Privileg derDeutschen gegenüber Ausländern entdeckt. Er illustriert dies an einer Gesprächssequenz zwischen einem deutschen Bettler undeinem Passanten mit fremdem Akzent. Der bettelnde Deutsche ist kooperativ im Gespräch, bis ihm der Akzent auffällt, womit erauch in den foreigner talk verfällt ("Türkischmann Du?"), der Überlegenheit signalisiert (S.101f.).

Die Mehrheitsangehörigen setzen die Normen und haben das Urteilsmonopol, daher auch die Assimilationsforderung. "So denkenwir Niederländer darüber" (Befragte bei Kortram/von Onna 1993). "Die Regeln sind nun mal da und stehen auch überhaupt nichtzur Disposition. Regeln bestimmen den Schulalltag" (Referendar bei Bender-Szymanski 2001, S.85). Ein Lehrer zu einemitalienischen Vater, der die Übergangsempfehlung auf die Hauptschule für seine Tochter nicht akzeptieren will: "Ja Herr D.,Sie sind, Sie leben in Deutschland, Sie müssen die deutsche System akzeptieren" (aus einem Interview, Dietrich 1997, S.129).- Hier wird übrigens auch deutlich, wie der Lehrer den thematischen Rahmen und die Situation definiert. Entsprechend wehrtsich auch der italienische Vater dagegen: "Ich akzeptiere die deutsche System. Ich kritisiere nur Ihre Verfahren" (ebd.).Aber als Normsetzende unterliegen die Mächtigeren auch keinem oder nur geringem Rechtfertigungszwang.

Statushöhere haben das Vorrecht, auch in die Privatsphäre der anderen einzudringen. So kann sich nach Goffman der Chef zwarbeim Fahrstuhlführer im Büro (oder bei seinem Chauffeur) erkundigen, wie es zuhause geht. Umgekehrt wird eine solche Fragevon Seiten des Untergebenen als deplaziert eingeschätzt. Überhaupt ist das Fragenstellen eines der Privilegien derPrivilegierten. Man vergleiche die bei Ausländern verhasste Frage "Wo kommen Sie denn her?" (vgl. Battaglia 2000). Dazu dannwomöglich noch die Einschätzung "Sie sprechen aber gut Deutsch!" die das Urteilsmonopol bestätigt.

Auch folgende Machteffekte sind für interkulturelle Kommunikationsprozesse bedenkenswert: Der Mächtigere bestimmt denGesprächsverlauf. Er nimmt sich viel eher das Recht, zu unterbrechen und das Gespräch wieder an sich zu ziehen. Er kannAppelle des Gesprächspartners bzw. der Partnerin übergehen. Sein "Appellohr" (Schulz von Thun) ist weniger gespitzt undentwickelt als das des Schwächeren. Er kann sich eher Witze leisten, auch wenn diese harmlos sein mögen. Beispiel aus einemGespräch, in dem ein ausländischer Arbeit sich beim Meister per Telefon etwas unbeholfen wegen seiner Krankheit entschuldigt:Nj "Ja heute wieder ich Arzt gehen, Arzt wieder krank schreiben" M: "Hat dir die Frau einen aufs Auge gegeben?" Nj: "Ja hierdas is Augen Frau Doktor" (Hinnenkamp 1993, 77). - Der türkische Arbeiter versteht aufgrund seiner geringen Sprachkompetenzim Deutschen die - eher kumpelhafte - Anspielung des Meisters nicht. Dieser beachtet zu wenig das Gebot der Kooperativität,so dass es dann auch im weiteren Gesprächsverlauf zu Missverständnissen kommt. Der Meister handelt sicher nicht absichtlich,aber unsensibel. Als rassistisch einzustufen ist dagegen die Ironie eines Beamten, der zum Begleiter eines Asylbewerbers, derseine Situation dramatisch schildert ("Ich bin kaputt.") bemerkt: "Sieht doch gut aus. Jetzt hat er richtich Figur"(Hinnenkamp 1993, S.154).

Die Forschung über die Mann-Frau-Kommunikation hat uns auf weitere Vorrechte des Stärkeren in der Kommunikation aufmerksamgemacht: Er kann eine lässige Haltung im Gespräch einnehmen oder durch "Dominanzgebärden" seine dominante Rolle zum Ausdruckbringen (s. Henley 1977, S.185f.). Er bestimmt Nähe und Distanz ebenso wie die Zeit, das heißt, er kann warten lassen, Un-geduld zeigen etc.

Kurz: Die Dominanten können die Beziehung auf vielfältige Weise definieren. Das Zurückweisen und Aushandeln der - meistimpliziten, das heißt stillschweigend vorgenommenen - Beziehungsdefinitionen ist bei Asymmetrie immer erschwert, wenn nichtunmöglich (Schulz von Thun 1992).

Mehrheitsangehörige tendieren zu einseitigen Anspassungsforderungen an die Minderheitenangehörigen. Beispiel: "Ich habe etwasdagegen, mein Leben nach den Normen anderer auszurichten" (Kortram/van Onna 1993, 468). "Man muss sich vorher bewusst machen,was es heißt, in ein anderes Land zu gehen, in dem es andere Normen und Regeln gibt" oder "Sie (die türkischen Eltern, Au.)können sich einfach aus der eigenen Kultur und den eigenen Vorstellungen nicht lösen" (Referendare nach Bender-Szymanski2001, 82).

Wir sind schließlich als Mehrheitsangehörige und als Europäer stets in der Gefahr, gegenüber "Ausländern" und Menschen ausder Dritten Welt eine paternalistische Haltung einzunehmen, sie also zu bevormunden, nicht ernst zu nehmen. Der Paternalismussteht in einer kolonialen Tradition. In der deutschen Geschichte hat er vor allem gegenüber den osteuropäischen Nachbarn eineunselige Rolle gespielt. Der Paternalismus hat zwei Varianten oder auch miteinander verbundene Komponenten: die fürsorglicheBemutterung und die herablassende Bevormundung.

Die Machtasymmetrie verleitet, wie man sieht, auf Seiten der Überlegenen zu fragwürdigen, teilweise skandalösenVerhaltensweisen, die aber nun bei den Unterlegenen verständlicherweise auch zu problematischen Reaktionen führen oder führenkönnen. Dabei spielen in die aktuelle Kommunikationssituation immer auch zurückliegende Unrechts- oderDiskriminierungserfahrungen des einzelnen oder seiner Gruppe hinein. Es ist nicht verwunderlich, dass Menschen mitAusländerstatus oder aus Ländern der 3. Welt, in den kommunikationspsychologischen Kategorien von Schulz von Thun formuliert,ein übersensibles "Beziehungsohr" haben. Wenn wir ihre Erfahrungen von Ohnmacht, Unterlegenheit etc. berücksichtigen, dannsind folgende Reaktionstendenzen bei Minderheitenangehörigen oder Vertreter(inne)n von Dritte-Welt-Ländern verständlich:

  • ein generalisiertes Misstrauen, das aus eigenen Erfahrungen oder Erfahrungen aus zweiter Hand resultierten kann (z.B. Erfahrungen mit deutschen Behörden),
  • Überempfiindlichkeit aufgrund von Diskriminierungserfahrungen, die wiederum nicht persönlich gemacht worden sein müssen. Es genügt die Kenntnis der abwertenden Einschätzung der eigenen Gruppe innerhalb der Dominanzkultur.
  • Rückzugstendenzen bis hin zur "erlernten Hilflosigkeit" (ein Terminus aus der Psychopathologie), die etwa im Fall der Situation von Asylbewerbern ein subjektiv rationales Verhalten sein kann. Dem kommt nahe, was Banning (1995) in einem Trainingsbuch für Sozialarbeiter/innen die "Sprache der Opfer" nennt. Beispiel: "Wir werden nie für voll genommen" (ebd.).
  • schließlich Aggressivität, die nach außen, aber auch nach innen gewendet sein kann. Etwas anderes ist es, wenn der Rassismusvorwurf taktisch eingesetzt wird, um Rechtfertigungsdruck zu erzeugen und damit etwas zu erreichen.

Es kann auch zu nonverbalen Formen der Auflehnung oder Verweigerung kommen (s. Henley 1977). Aus der Literatur bekannt sindWiderstandsformen von Machtlosen wie Sich-dumm-stellen oder eine Überkorrektheit, die Appelle ad absurdum führt nach demVorbild der literarischen Figur des Schwejk.

Ein eigener Aspekt sind unbewusste Inszenierungen wie Übertragung und Gegenübertragung, auf die uns die Ethnopsychoanalyseaufmerksam macht. Gerade in asymmetrischen Konstellationen werden frühere Erfahrungen mit Machtinstanzen leicht auf dieaktuelle Beziehung übertragen, so dass diese durch Misstrauen, Unterwürfigkeit, Aufsässigkeit etc. belastet werden kann.

7. Was heißt interkulturelle Kompetenz?

Das Wissen über fremde Kulturmuster kann nur wenig zur Verbesserung der Kommunikation beitragen, in derEinwanderungsgesellschaft allein schon wegen der Vielfalt der Kontaktkulturen. Trainings, die darauf setzen, begünstigen ehereine Stereotypisierung. Allerdings kann dadurch, dass man sich exemplarisch auf eine fremde Kultur einlässt, die notwendigeOffenheit für mögliche Kulturdifferenzen zusammen mit dem Bewusstsein der eigenen Kulturgebundenheit gefördert werden. Nebender Sensibilität für fremde Kulturmuster sind aber vor allem Sensibilität für die Asymmetrie von Beziehungen, Empathie,Aufmerksamkeit für negative Kollektiverfahrungen und die Reflexion der eigenen Fremdbilder gefragt.

Wichig ist es besonders, die Beziehungen systemisch, m.a.W. in ihrer Komplementarität zu sehen. - Entmündigung begünstigtUnmündigkeit. Umgekehrt fördert die Hilflosigkeit der einen Seite den Paternalismus, die Bevormundung von der anderen Seite.Gerade in interkulturellen Beziehungen muss die Zirkularität der Kommunikationsprozesse gesehen werden. Wenn man nichtberücksichtigt, dass zum Beispiel Diskriminierungserfahrungen problematische Reaktionsweisen nahelegen, wird man voreilignegative Stereotype bestätigt finden. So kommt es zu einem Teufelskreis bzw. zu einer Spirale der Eskalation: zum Beispielaggressive Reaktion von B - Ethnisierung durch A (typischer Südländer) - Bestätigung der Erfahrungen von B (wir werden nichternst genommen) usw. Hier sind auch die gesellschaftlichen Kontextbedingungen zu berücksichtigen, zum Beispiel dierechtlichen Beschränkungen durch das Ausländer- und besonders das Asylrecht, die an sich schon entmündigen.

Literaturangaben

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Fussnoten

  1. Das Beispiel stammt aus einer Sammlung von critical incidents, die Dr. Heidari zusammengestellt hat.