Politikwissenschaft, Bildungspolitik und politische Bildung

Forschungsprofil

Politikwissenschaft, Bildungspolitik und politische Bildung

 

Prof. Dr. Christoph Butterwegge / PD. Dr. Bettina Lösch

Bei der Initiierung und Konzeption von Forschungsprojekten trägt der Lehrbereich für Politikwissenschaft seit 1998 der Tatsache Rechnung, dass an einer Humanwissenschaftlichen Fakultät jene Entwicklungstendenzen, Probleme und Themenkomplexe besondere Aufmerksamkeit verdienen, welche die Lebensrealität von Kindern und Jugendlichen maßgeblich prägen, wodurch sie gleichzeitig für angehende Lehrer/innen, Pädagog(inn)en und Multiplikator(inn)en der politischen Bildung von zentraler Bedeutung sind.

Ausgehend vom Prozess der Globalisierung, welcher Staat, Wirtschaft und Gesellschaft, etwa die Arbeitswelt, aber auch die Lebenswirklichkeit von Heranwachsenden grundlegend verändert, behandeln (abgeschlossene und laufende) Forschungsprojekte des Lehrbereichs in erster Linie die psychosozialen Folgen der Modernisierung für Kinder und Jugendliche. Einerseits stehen sozioökonomische Veränderungen, die Entwicklung des Sozialstaates und Kinderarmut, andererseits Migration, Asylpolitik und Integration von Zuwanderern (z.B. die Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund) sowie Rechtsextremismus, rassistisch motivierte (Jugend-)Gewalt und Präventionsmöglichkeiten der politischen Bildung im Blickpunkt.

Globalisierungsprozesse haben gravierende Auswirkungen auf die Ökonomie, Politik, Kultur sowie auf die technologischen Entwicklungen eines jeden Nationalstaates. Folglich sind die Inhalte der politischen Bildung, die dem Sachunterricht / Lernbereich Gesellschaftswissenschaften oder den Sozialwissenschaften noch in den 1980er-Jahren zugrunde lagen, einer gründlichen Revision zu unterziehen. An der Abteilung angesiedelte Dissertations- und Habilitationsprojekte, vom Lehrbereich initiierte und organisierte Fachtagungen, von ihren Mitarbeitern herausgegebene Publikationen und laufende Drittmittelprojekte reflektieren die Bedeutung des Globalisierungsprozesses in den jeweiligen Politikfeldern und im politischen System der Bundesrepublik Deutschland.

Sozioökonomische Veränderungen stellen Multiplikator(inn)en der politischen Bildung vor neue Herausforderungen, denn in der schulischen und außerschulischen politischen Bildung sind Internationalisierungsprozesse der Produktion, die wachsende Bedeutung transnationaler Konzerne, technologische Innovationen, Rationalisierungsprozesse, steigende Arbeitslosigkeit, Flexibilisierung von Beschäftigungsverhältnissen, Öffnung der nationalen Märkte für Waren, Güter und Dienstleistungen ebenso zu diskutieren wie die Themen Flucht und Migration. Das Projekt „Siren“ setzt an diesem Punkt an und untersucht (sekundäranalytisch) die sozioökonomischen Veränderungen in acht verschiedenen europäischen Ländern. Im Gegensatz zu vorangegangenen Forschungen in diesem Themenfeld stehen die subjektiven Wahrnehmungen der Beschäftigten im Zentrum der empirischen Untersuchung, die mit qualitativen und quantitativen Methoden der Sozialforschung arbeitet. Das Forschungsprojekt geht der Frage nach, in welcher Weise Veränderungen in der Arbeitswelt von Beschäftigten politisch verarbeitet werden und ob solche Veränderungen unter bestimmten Voraussetzungen zu rechtsextremen Einstellungen führen oder eine Akzeptanz der extremen Rechten begünstigen können.

Themen wie Globalisierung und sozioökonomische Veränderungen sind eng verknüpft mit dem Umbau bzw. Abbau des Sozialstaates. Insbesondere Kinder und Jugendliche sind von diesen sozioökonomischen Veränderungen und den sozialpolitischen Maßnahmen betroffen. Insofern ist das Problem einer „Infantilisierung der Armut“ (Richard Hauser) ein weiterer Forschungsschwerpunkt. Ausgehend von der Annahme, dass Kinder und Jugendliche die Experten ihrer jeweiligen Lebenssituation sind, wurden mittels teilnehmender Beobachtung sowie mit qualitativen und quantitativen Methoden Daten über die Lebensrealität von Kindern erhoben und ausgewertet. Dem Projekt „Armut und Kindheit“ lag eine komparative Perspektive (Nord-Süd, Ost-West, Stadt-Land) zugrunde, so dass auch in diesem Bereich Fragen der Globalisierung mit sozioökonomischen Veränderungen verknüpft wurden.

Die Abteilung für Politikwissenschaft, angesiedelt an der europaweit größten Einrichtung für Lehrerausbildung, ist dazu prädestiniert, sich der Geschichte der staatlichen politischen Bildung – und damit ihrer eigenen Geschichte – zu stellen: Während Kultur- und Schulpolitik ineinem föderativen System in den Kompetenzbereich der Bundesländer fällt, wurde mit der 1952 erfolgten Einrichtung der Bundeszentrale für Heimatdienst (1963 umbenannt in Bundeszentrale für politische Bildung) eine Dienststelle geschaffen, die dem Bundesinnenministerium unterstellt ist und die auf Bundesebene politische Bildung betreibt. Seit 1952 existiert demnach in der Bundesrepublik eine Einrichtung, die es sich laut Satzung zur Aufgabe gemacht hat, den demokratischen und europäischen Gedanken zu fördern, und welche im Spannungsfeld zwischen Propaganda, Public Relations sowie politischer Bildung agierte. Insofern betrachtet es die Abteilung als eine ihrer Kernaufgaben, die staatliche politische Bildung als Forschungsgegenstand zu fokussieren. Neben dieser historischen Perspektive, die sich an einer politischen Institution und an einem Politikfeld orientiert, reflektieren Fachtagungen und Publikationen der Abteilung jene Veränderungen, die sich unter dem Vorzeichen von Globalisierung und Ökonomisierung der politischen Bildung vollziehen.

 

Forschungsprojekte

Demokratie und politische Bildung

Politikwissenschaftliche Grundlegung einer kritischen Theorie politischer Bildung (Habilitationsprojekt)

  • Dr. Bettina Lösch

Staat und Politische Bildung in Deutschland:

Die "Bundeszentrale für Heimatdienst" bzw. "Bundeszentrale für politische Bildung" im Spannungsfeld zwischen Propaganda, public relations und Politischer Bildung (Habilitationsprojekt)

  • Dr. Gudrun Hentges

Abgeschlossene Forschungsprojekte

EU-Projekt »SIREN«

Socioeconomic changes, individual reactions, and the appealof the extreme right / Sozioökonomische Veränderungen, individuelle Reaktionen und die Anziehungskraft der extremen Rechten (SIREN)

  • Forschungsprojekt gefördert durch die EU-Kommission und koordiniert von Forba, Wien http://www.siren.at
  • Leitung des deutschen Teilprojekts: Prof. Dr. Christoph Butterwegge/ Dr. Gudrun Hentges
    Wissenschaftlicher Mitarbeiter: Malte Meyer

Infantilisierung der Armut?

Gesellschaftspolitische Ursachen und psychosoziale Folgen in Ost- und Westdeutschland

  • Leitung: Prof. Dr. Christoph Butterwegge
    Mitarbeiter: Michael Klundt, Matthias Zeng
    Studentische Hilfskraft: Tatjana Schwedes

Rechtsextremismus

"Sozialstaatsentwicklung: Großstadt, Migration und (Jugend-)Gewalt"