Aus: Reinhard Schneider (Hg.): Anthropologie der Musik und der Musikerziehung. Regensburg 1987 (=Musik im Diskurs Bd. 4)

© 1987 by Gustav Bosse Verlag GMbH & Co. KG, Regensburg

REINHARD SCHNEIDER

MUSIKÄSTHETIK / ANTHROPOLOGIE

VERMITTLUNGSVERSUCHE

Unser heutiges musikalisches Bewußtsein ist im großen und ganzen und in unglaublich vielen Details abhängig von den Anschauungen des 18. und 19. Jahrhunderts. Dies betrifft nicht nur das Denken über Musik, das im Bann der Ästhetik steht, sondern auch das Denken und Empfinden in Musik. Das ästhetische Paradigma kann hier nicht ausdifferenziert werden, denn dies würde bedeuten, eine Geschichte der ästhetischen Musikanschauung zu entwerfen. Erinnert sei an die These von Dahlhaus: "Das System der Ästhetik ist ihre Geschichte: eine Geschichte, in der Gedanken und Erfahrungen heterogenen Ursprungs sich durchdringen." (1)

Nur soviel sei angemerkt, daß im Zeichen der Ästhetik die Musik als Kunst und ihre einzelnen Manifestationen als Kunstwerke zum Thema wissenschaftlicher und philosophischer Erörterung werden. Die Ästhetik ist der theoretische Kern der Institution Kunst . Sie ist der normative Hintergrund musikalischen Denkens und Gestaltens und zugleich die Setzung einer Perspektive in der Rezeption von Musik, in der Form der ästhetischen Erfahrung.

Die Abgrenzung der ästhetischen, von einer vor- oder außerästhetischen Musikerfahrung ist ein vielschichtiger Problemkomplex, läßt sich aber vielleicht auf ein Merkmal brennpunktartig zusammenziehen, nämlich auf die Aufwertung, das heißt, Positivsetzung und Idealisierung der Sinnlichkeit.

Ästhetische Musik läßt sich nach Eggebrecht folgendermaßen charakterisieren: "Ästhetische Musik ist das Gebilde, dessen Intention es ist, die Begründung seines Daseins in seiner sinnlichen Medialität selbst zu haben, so nämlich, daß nicht nur die gehaltlichen Intentionen (die "Bedeutungen"), sondern auch die Bedingungen, aus denen es entsteht, und die Zwecke, für die es entsteht, aufgehoben werden in die Identität des musikalischen Sinnes mit sich selbst."(2) Die der ästhetischen Musik entsprechende Bewußtseinlage charakterisiert Eggebrecht als ästhetische Intentionalität, die auf den in der Musik "durch das Sinnliche der musikalischen Materialität selbst begründeten Sinn" gerichtet ist, bzw. ihn zu erfahren sucht.(3)

Von heute aus gesehen, ist die ästhetische Verfassung der Musik ein historisches Konzept von begrenzter Reichweite und fragwürdiger Tragfähigkeit. Was bedeutet es aber angesichts dieser Bedenklichkeiten nach der Vermittlung von Ästhetik und Anthropologie zu fragen. Ist die Frage angesichts der historischen Umstände, die eben angedeutet wurden, nicht schon im Ansatz überholt? Oder soll etwa mit der Wende zur Anthropologie dem Verfall der Ästhetik Einhalt geboten oder der schwankende Boden erneut befestigt werden?

Wenn auch die Hoffnung auf eine anthropologische Ästhetik, also auf eine Vermittlung im Sinne einer Einswerdung mehr als trügerisch ist, so durften doch Vermittlungsversuche mit dem Ziel gegenseitiger Erhellung nicht unnütz sein und vielleicht zu einem besseren Verständnis der gegenwärtigen Musik und Musikerziehung beitragen. Denn auch der radikalste Anthropologie- und Ästhetikkritiker kann nicht leugnen, daß musikalisches Verhalten offensichtlich ein allgemein menschliches Phänomen ist, daß eben deshalb anthropologisch, das heißt für eine Lehre des Menschen, hoch bedeutsam ist und daß dieses allgemein verbreitete Phänomen in der abendländischen Geschichte und hier im besonderen in den letzten Jahrhunderten in der ästhetischen Zielsetzung zu fantastischen Formen entwickelt wurde.

Wenn heute die Suche nach Vermittlungen zwischen Ästhetik und Anthropologie geboten scheint, so muß als erstes der Blick auf jene Epoche der Philosophiegeschichte gerichtet werden, in der die Ästhetik und die Anthropologie fast gleichzeitig entstanden. In der Zeitspanne vom 16. bis zum 18. Jahrhundert richtet sich die philosophische Reflexion sowohl auf die Künste als auch auf die menschliche Lebenswelt und versucht, die gewonnenen Kenntnisse über den Menschen in einer Disziplin zusammenzufassen, die erst seit dem 16. Jahrhundert mit der Bezeichnung anthropologia auftritt. Dabei ist die Anthropologie von Anfang an der Versuch, eine Definition des Menschen zu geben im Rückgang auf seine Natur. Damit ist der eine beständige Zug der anthropologischen Bestimmung des Menschen genannt, der sich bis auf den heutigen Tag durchzieht, der andere ist die 0rientierung an der Lebenswelt.

Im Jahre 1798 erscheint die Anthropologie von Immanuel Kant, die einzige seiner Vorlesungen, die Kant selbst publiziert hat. In der Vorrede zu seiner Schrift gibt er Hinweise zu Absicht, Ziel und Methode der Anthropologie. Er charakterisiert sie folgendermaßen: "Eine Lehre von der Erkenntnis des Menschen, systematisch abgefaßt (Anthropologie), kann es entweder in physiologischer oder pragmatischer Hinsicht sein. Die physiologische Menschenkenntnis geht auf die Erforschung dessen, was die Natur aus dem Menschen macht, die pragmatische auf das, was er, als freihandelndes Wesen, aus sich selber macht, oder machen kann und soll." (5)

Beide Grundzüge sind hier genannt:

Der Rekurs auf die Natur und die philosophische Reflexion der Lebenswelt. Kant bestimmt denn auch die Anthropologie als "Weltkenntnis" (6), die neben der Erkenntnis der verschiedenen Sachen, wie Tiere, Pflanzen, Mineralien usw. in pragmatischer Hinsicht auf die Erkenntnis des Menschen als Weltbürger ziele. Zu den Erkenntnismitteln rechnet er u.a. Weltgeschichte, Schauspiel, Romane und vor allen Dingen das Reisen, um Land und Leute kennenzulernen. Da Kant selbst kein reiselustiger Mensch war und die Stadtmauern Königsbergs selten hinter sich gelassen hat, sah er sich an dieser Stelle seines Textes zu einer Anmerkung genötigt, in der er darauf hinwies, daß, wer in einer solch großen Stadt wie Königsberg am Pregelflusse lebe, diese Kenntnisse auch vor Ort erwerben und somit auf das Reisen verzichten könne. (7).

Die Anthropologie konstituiert sich bei Kant also in einer philosophisch motivierten Wende zur Lebenswelt, als Ergebnis seiner Vernunftkritik, die die Unzulänglichkeit der herkömmlichen Metaphysik und die Unzuständigkeit der mathematischen Naturwissenschaften für den Bereich eben dieser Lebenswelt aufgedeckt hatte. Die Anthropologie wird in ihrer pragmatischen Ausrichtung zu einem Leitfaden für vernünftiges Handeln aufgrund weitläufiger Kenntnisse. Sie steht bei Kant jedoch noch in Konkurrenz zur Ethik und Geschichtsphilosophie und sie ist - wie Marquard formuliert - "nur zweite und minder tüchtige Besetzung des Faches Praktische Philosophie." (8)

Die Anthropologie füllt also ein Vakuum aus, daß die Vernunftkritik in ihrer Auseinandersetzung mit der Schulphilosophie hatte entstehen lassen. Sie verharrt aber zunächst noch in Wartestellung, in Schach gehalten von Ethik und Geschichtsphilosophie, die zunächst noch in erster Linie zuständig sind für die Bestimmungen des vernunftgemäßen Handelns und des wahren Endzwecks der menschlichen Verhältnisse.

Es ist erstaunlich, daß im musikästhetischen oder musikphilosophischen Schrifttum unserer Tage, soweit ich die Literatur übersehe, das gemeinsame Entstehen von Anthropologie und Ästhetik nicht beachtet worden ist. Der gemeinsame Ursprung beider Disziplinen war kein Zufall, ebensowenig wie der gemeinsame Feldzug gegen die Geschichtsphilosophie im 19. Jahrhundert, auf dem sie getrennt marschieren, aber vereint schlagen, und es muß gründlich bedacht werden, warum sie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts jene Aktualität erlangen, um die wir uns hier auf diesem Symposion begrifflich bemühen.

Die Ästhetik füllt wie die Anthropologie bei Kant auf den ersten Blick eine Lücke im System, die aufgrund der kritischen Zusetzung des unhaltbaren Totalitätsanspruchs der Schulmetaphysik entstanden ist. Marquard weist aber zu Recht darauf hin, daß dies eine recht oberflächliche Betrachtung ist und daß die "Kritik der Urteilskraft", die Kants Hauptschrift zur Ästhetik enthält, aus geschichtlichen Gründen für die Beantwortung der Frage nach dem Menschen notwendig geworden war. Formal gesehen hebt die "Kritik der Urteilskraft" auf die Integration der sogenannten oberen Erkenntnisvermögen, des Verstandes, der Vernunft und eben der Urteilskraft ab. Dabei leistet die Urteilskraft die Vermittlung von Empfindung und Verstand und stellt so den Versuch dar, die aus dem Intelligiblen ausgegliederte Sinnlichkeit mit den oberen Erkenntnisvermögen zu versöhnen.

Betrachtet man die Wende zur Ästhetik in der Philosophie des 18. und 19. Jahrhunderts und im besonderen den Anstoß, den sie durch Kant erhalten hat nur unter erkenntnis- oder systemtheoretischen Aspekten, d. h. im Hinblick auf das Zusammenstimmen der sogenannten drei oberen Erkenntnisvermögen im Intelligiblen oder etwa in der Hinsicht wie Kant den Begriff der ästhetischen Idee im Gefüge der drei Kritiken angesiedelt hat, so bleibt weitgehend unklar, welche Bedeutung diese Wende zur Ästhetik für unsere heutige Diskussion eigentlich besitzt.

Fragt man jedoch mit dem skeptischen Philosophen Odo Marquard nach dem Wozu der Ästhetik über jene formalen Systembedingungen hinaus, und läßt man sich auf seine Antwort ein: Die Ästhetik ist ein Ausweg, so wird schlagartig die Bedeutung der ästhetischen Wende für uns Heutige deutlich, denn sie trägt nicht nur zu einem Verständnis der Funktion der Kunst der letzten 200 Jahre bei, sondern legt auch die Frage nahe, wohin denn dieser Ausweg führt. Überläßt man sich hier ebenfalls der unsicheren Führung durch einen skeptischen Philosophen, so lautet die Antwort: In die Unbelangbarkeit. Dies ist im Kern eine Kompensationstheorie, eine auch heute noch, oder wieder, geläufige Musikauffassung, die jedoch ihren historischen Ursprung weitgehend verdrängt hat, sonst - so ist zu vermuten - sähe sie heute anders aus oder wurde kritischer gesehen.

Aber warum ist die Ästhetik nun ein Ausweg? Nach der Einsicht in die begrenzten Möglichkeiten der wissenschaftlichen Vernunft und nach der Enttäuschung über die Möglichkeiten der moralischen Vernunft, denn sie entpuppte sich ebenfalls als eine weitgehend ohnmächtige Vernunft, da sie ohne Einfluß auf die Durchsetzbarkeit der guten Vorsätze blieb, wendet sich Kant zur Ästhetik. Hier ist der Quellpunkt für die bis auf den heutigen Tag lebendigen Überziehungstheorien des Ästhetischen, denn je geringer die Aussichten auf eine tatsächliche Verwirklichung des guten Seins sind desto hoffnungsvoller blickt oder hört man auf dessen Symbolisierungen: So ist die Musik im Zeichen der Ästhetik von Anfang an mit der Hoffnung verbunden, daß sie eine "Kunst des Vorscheins" (Bloch) sei. ohne hier entscheiden zu müssen, drängen sich folgende Fragen auf: "Gehört die Ästhetik zur Vorhut oder zum Trauergefolge der geschichtlich-vernünftigen Aufgabe? Ist das Schöne als Symbol des Sittlichen Stimulanz der Verwirklichung oder Sedativ angesichts ihrer Aussichtslosigkeit? Ist es - auf diese Formel darf man das wohl bringen - ist es Instrument oder Ersatz der politischen Verwirklichung, der geschichtlichen Vernunft?" (10)

Es ist bekannt und kann hier auch nicht dargestellt werden, daß die Lösung des Ästhetischen aus dem geschichtsphilosophisch-politischen Zusammenhang und die Hinwendung zur Natur, im besonderen zur fernen Natur und zur Natur des Menschen für das 19. Jahrhundert und im besonderen für die Romantik charakteristisch und für uns nicht nur historisch, sondern auch zeitgeschichtlich hochbedeutsam ist. In dieser Wendung weg vom Gesellschaftlich-Politischen hin zur Natur konvergieren nun wieder Anthropologie und Ästhetik, und es zeigt sich, daß die beiden nicht nur in einem einzigen Schoß entsprungen, nicht nur eine gemeinsame Geburtsstunde hatten, sondern, um es in der Terminologie der anthropologischen Naturwissenschaften zu sagen, vermutlich auch eineiige Zwillinge sind, deren gemeinsames Erbgut in historisch günstigen Augenblicken immer wieder vergleichbare Blüten treibt.

Kant selbst hat sich wohl nicht träumen lassen, und auch dafür gesorgt, daß er von solch einem Traum nicht überrascht wurde, daß die Musik zu einem Ersatz der Philosophie, zur Offenbarung des Absoluten, werden könnte und die Ästhetik zur Fundamentaldisziplin, denn er hielt die Musik im Vergleich zu allen anderen Künsten für am wenigsten geeignet das, was in der gesellschaftlich-politischen Gegenwart nicht realisierbar war, wenigstens als Möglichkeit aufscheinen zu lassen. Ihre Geistferne war für ihn eine ausgemachte Sache. Für diese Auffassung lassen sich aus der "Kritik der Urteilskraft" zahlreiche Beispiele anführen.

Weil Musik in ihrer Sinnlichkeit der Vernunft entgegengesetzt zu sein scheint, wird sie auf die unteren Rangplätze verwiesen. Entscheidend ist dabei für Kant wohl, und dies ist ein Gesichtspunkt, der von aktueller Bedeutsamkeit ist, daß die pure Sinnlichkeit den Menschen entmündigt, ihn seiner Freiheit und damit seiner Würde beraubt. Kant handelt dementsprechend die Probleme der Sinnlichkeit im ersten Teil der schon zitierten "Anthropologie in pragmatischer Hinsicht" ab und gibt einige lebenspraktische Ratschläge zu ihrem Umgang: "Zu welchen Kindereien sinkt nicht der Mensch selbst in seinem reifen Alter hinab, wenn er sich am Leitseil der Sinnlichkeit führen läßt! Wir wollen jetzt sehen, um wieviel oder wenig er es besser mache, wenn er unter der Beleuchtung des Verstandes seinen Weg verfolgt." (11) Es fehle zwar nicht an "Lobrednern" der Sinnlichkeit, und man finde sie "vornehmlich unter Dichtern und Leuten von Geschmack." (12)

Gegen eine solch hohe Wertschätzung der Sinne und der Sinnlichkeit hat Kant, wie nicht anders zu erwarten ist, erhebliche Bedenken, und der folgende Passus aus seiner Anthropologie spiegelt seine Auffassung konzentriert wider: "Das Passive in der Sinnlichkeit, was wir doch nicht ablegen können, ist eigentlich die Ursache alles des Übels, was man ihr nachsagt. Die innere Vollkommenheit des Menschen besteht darin: daß er den Gebrauch aller seiner Vermögen in der Gewalt habe, um ihn seiner freien Willkür zu unterwerfen. Dazu aber wird erfordert, daß der Verstand herrsche, ohne doch die Sinnlichkeit (die an sich Pöbel ist, weil sie nicht denkt) zu schwächen: weil ohne sie es keinen Stoff geben würde, der zum Gebrauch des gesetzgebenden Verstandes verarbeitet werden könnte." (13)

Auch wenn die Interpretation der Kantschen Wende zur Ästhetik als ein Ausweg aus den Ohnmächten der Vernunft richtig ist, so ist doch nicht daran zu zweifeln, daß er die Kunst und besonders die Musik immer in einer subalternen Rolle gesehen hat, und nie auf den Gedanken gekommen wäre, alles auf die Karte der Kunst zu setzen, wie dies im 19. Jahrhundert dann erfolgt. Ästhetik und Anthropologie (wie oben dargestellt wurde) werden von Kant an der kurzen Leine geführt und gehorchen der Stimme der Vernunft.

Die Ästhetik Kants fand in Johann Gottfried Herder einen polemischen Kritiker, der Kant in Sachen Kunst, um es modern auszudrücken, einen Mangel an Realitätssinn bescheinigte und die von Kant so schlecht beleumundete Sinnlichkeit ganz anders einschätzte. Dabei muß man allerdings bedenken, daß Herder völlig andere Absichten hatte: Ihm ging es um eine Theorie der Künste und um die Abgrenzung der Künste voneinander. Herder wäre als Kritiker Kants für uns jedoch von geringem Interesse, wenn er nicht zugleich der große Anreger der philosophischen Anthropologie zu Beginn unseres Jahrhunderts geworden wäre, und wenn er nicht zahlreiche Elemente einer anthropologischen Musikauffassung entwickelt hätte, die auch heute noch zu empirischer und philosophischer Forschung anregen.

Herders Theorie der Künste bietet Ansatzpunkte für eine anthropologische Musikauffassung, die ernst macht mit der nun freigelegten Sinnlichkeit und dabei die Vernunft aus ihrer Rolle als Anstandsdame entläßt. Daß sich damit eine ahistorische Auffassung des Ästhetischen, die sich auf die Natur des Menschen beruft, anbahnt, sei zunächst nur am Rande vermerkt.

Zur Veranschaulichung des Gesagten nun einige Auszüge aus Herders "Kalligone" Über die Musik: Er bestimmt die Musik als eine "Kunst der Menschheit" (14), und gibt damit zunächst eine geschichtsphilosophische Bestimmung. Bezeichnend für den damaligen Stand in der Auseinandersetzung zwischen Geschichtsphilosophie und Anthropologie ist es, daß er die Musik in der klingenden Natur, d.h. auch in der Natur des Menschen verankert. Er schreibt: "Beobachtungen gemäß reicht sein (des Menschen, R.S.) von außen verborgenstes Gehörorgan am tiefsten ins Innere des Haupts, dem empfindenden Gemeinsinn zunächst sich nahend, und so verbreitet, daß wie Erfahrungen zeigen, wir fast mit unserem ganzen Körper hören.. (15)

Er gibt eine Musikdefinition, die ganz auf das Element der Bewegung abstellt: "Das empfindende Geschöpf fühlt sich bewegt, d.h. aus seiner Ruhe gebracht und dadurch veranlaßt, durch eigene innere Kraft sich dieselbe wiederzugeben. Es fühlt sich nach Verhältnissen, mithin angenehm bewegt, geschwungen, und kann nicht anders, als in solchem Verhältnis zur Ruhe wieder zurückkehren. Dies ist Musik, nicht anderes."

(16)

Um das Verstehen von Musik zu erklären benutzte er ein Modell, das auch heute noch, zumindest als Teilerklärung, in Anspruch genommen wird, nämlich das sympathetische Mitempfinden: "Die Macht des Tons, der Ruf der Leidenschaften gehört dem ganzen Geschlecht, seinem Körper- und Geistesbau sympathetisch." (17) Diese Erklärung bezieht sich auf den Menschen als Gattungswesen und wird von Herder als eine genetische Bestimmung eingeführt: "In gleicher Gestalt wissen wir, daß die Stimme jedes Gleichartigen sich dem Gleichartigen vorzüglich mitteilt; eine Folge des genetischen Begriffes der Musik überhaupt. Im gleichartigen Instrument klingen die angeklungenen Töne am stärksten und reinsten wieder. So auch in lebendigen Wesen. Die Stimme des Geschlechts teilt sich dem Geschlecht, vornehmlich wenn es in Gesellschaft, in Herden lebt, sympathetisch mit, wie die Naturgeschichte es in zahllosen Beispielen erweiset." (18)

So selbstverständlich es uns heute zu sein scheint, daß eine Lehre vom Menschen dessen Naturbestimmtheit zum Ausgangspunkt nimmt oder sogar als alleinigen Gesichtspunkt durchfuhrt, so hat sich doch dieser Ansatzpunkt, wie ich schon mehrfach erwähnte, erst in den letzten zwei Jahrhunderten Geltung verschaffen können und man kann die anthropologische Bestimmung des Menschen dadurch charakterisieren und von anderen Auffassungen unterscheiden, daß sie auf die Natur des Menschen rekurriert.

Trotz aller Unterschiede zwischen den anthropologischen Schüben im 18./19. und dann dem im 20. Jahrhundert, der uns heute noch in Bewegung hält, ist allen gemeinsam das Moment einer Sinnkrise oder eines Vertrauensverlustes in traditionelle Orientierungspunkte: Glaube, Vernunft, gesicherte Gegenwart oder hoffnungsvolle Zukunft. Das bedeutet, daß unsere Gegenwart in hohem Maße anthropologieanfällig ist. Derzeit scheint der Begriff der Natur ausschließlich positiv besetzt zu sein. Wichtige Aspekte der Stimmung der Zeit lassen sich auf Natur und Natürlichkeit zurückführen. Der Aufruf zur Rettung der Natur ist so selbstverständlich wie notwendig geworden und bezieht sich nicht nur auf die außermenschliche Natur. In dieser Gestimmtheit wird der Naturbegriff zu einer Chiffre und auch zu einem Codewort, das die richtige Gesinnung signalisiert. Derart eingebettet besteht die Gefahr, daß die Anthropologie zu einer Offenbarung des Natürlichen oder zu einer natürlichen Offenbarung avanciert. Daß aber die Berufung auf die menschliche Natur eine zweischneidige Sache ist, wird besonders deutlich, wenn sie im Zusammenhang mit der Erörterung künstlerischer Probleme geschieht.

Bevor diese Probleme an zwei anthropologischen Konzeptionen, denen von Arnold Gehlen und Helmuth Plessner, entwickelt werden, soll mit Karl Löwith die problemgeschichtliche Ausgangslage charakterisiert werden. obwohl Löwith versucht hat, die Balance zwischen der geschichtlichen und natürlichen Bestimmung des Menschen zu wahren, sieht er sich in seinem aus dem Jahre 1957 stammenden Aufsatz mit dem Titel "Natur und Humanität des Menschen" zu einer kritischen Distanzierung von Geschichte und Geschichtsphilosophie veranlaßt. Er huldigt damit unbewußt einem Topos, den es seit den Anfängen der Anthropologie gibt: "Die moderne Hellsichtigkeit für die Verschiedenheit der geschichtlichen Existenz- und Denkweisen, hat zur Kehrseite die Blindheit für die immer gleichen Grundzüge des gemeinhin und ewig menschlichen. Die Frage aber, welches menschliche Selbstverständnis das Wahre und Richtige, das heißt, der Natur des Menschen entsprechende ist, läßt sich nicht durch historische Reflexion beantworten. Das historische Bewußtsein kann darüber von sich aus keine sachliche Entscheidung treffen, weil uns die Geschichte überhaupt nie lehren kann, was wahr und was falsch ist." (19) Diese Dimension erschließt sich erst, wenn der Mensch in seiner "Zugehörigkeit zur Naturwelt" gesehen wird: "Die Welt der Natur ist immer sie selbst. Auch die eigentümliche ´Sonderstellung´ des Menschen im physischen Kosmos kann nur aus dem Verhältnis zu diesem bestimmt werden, weil der Mensch überhaupt nur dadurch zur Welt kommt, daß ihn die Natur hervorgebracht hat und er selbst von der Welt ist. Nur innerhalb dieser Zugehörigkeit zur Naturweit kann sich der Mensch auch aussondern zu dem absonderlichen Lebewesen, als das wir ihn kennen." (20)

Der Gedanke der Naturbestimmtheit des Menschen ist das einigende Band, das alle Anthropologien des 20. Jahrhunderts zusammenhält. Es lassen sich außerdem noch eine ganze Reihe von Begriffen anführen, in denen die verschiedenen Konzeptionen konvergieren: So findet sich zum Beispiel immer wieder der Hinweis auf die Weltoffenheit des Menschen, auf die Bedeutung des Selbst- und Weltbewußtseins, auf die Fähigkeit, zu sich Ich zu sagen, den Zwang zur Lebensführung, ein Gesichtspunkt, der sich auf die paradoxe Formel bringen läßt, daß der Mensch aus sich machen müsse, was er schon ist, findet sich ebenso in allen maßgeblichen Theorien wieder, wie der Hinweis auf die Bedeutung der Tradition für den Menschen und damit in eins die Einsicht in die Halt- oder Wurzellosigkeit seiner Existenz.

Die Fähigkeit zur Symbolisierung und ein spezifisches Ausdrucksverhalten gehören ebenso zu den Monopolen des Menschen. In Abgrenzung vom Tier, ein für zahlreiche Anthropologien wichtiger methodischer Ansatzpunkt, wird auf die Instinktreduktion des Menschen und seine Fähigkeit zu lernen hingewiesen, die durchaus auch als Zwang zum Lernen aufgefaßt werden kann. Wie zahlreiche andere als aktuell gehandelte Einsichten auch, geht die in die Instinktreduktion und die damit verbundene Notwendigkeit zum Lernen auf Herder zurück und nicht nur aus Gründen der historischen Gerechtigkeit soll Herder noch einmal zu Wort kommen, sondern weil seine anschauliche Sprachkunst ein ästhetisches Vergnügen eigener Art gewährt. Von der Instinktreduktion, die zum Leitfaden der Anthropologie Gehlens wird, schreibt Herder schon 1783: "Man spricht sich´s einander nach, daß der Mensch ohne Instinkt sei und daß dies instinktlose Wesen den Charakter seines Geschlechts ausmache; er hat alle Instinkte, die ein Erdetier um ihn besitzet, nur, er hat sie alle, seiner Organisation nach, zu einem feinern Verhältnis gemildert." (21) Lernfähigkeit und Menschlichkeit sieht Herder in einem unauflösbaren Zusammenhang. Wenn der Mensch instinktbestimmt wäre wie ein Tier, "so wurde er, da er schon alles kann, ehe er es lernte, nichts Menschliches lernen". (22) Dies bezieht Herder sowohl auf die Vernunft als auch auf die Sinnlichkeit, die ausgebildet und angeleitet werden müsse. Er schreibt: "Von Kindheit auf lernet er diese (Vernunft, R.S.) und wird, wie zum künstlichen Gange, so auch zu ihr, zur Freiheit und menschlichen Sprache durch Kunst gebildet." Hieran schließt Herder einen Satz, der tausende Seiten neuzeitlicher Pädagogik in einem Bild zusammenfaßt: "Der Säugling wird an die Brust der Mutter über ihrem Herzen gelegt; die Frucht ihres Leibes wird der Zögling ihrer Arme. Seine feinsten Sinne, Augen und Ohr, erwachen zuerst und werden durch Gestalten und Töne geleitet; wohl ihm, wenn sie glücklich geleitet werden." (23) Die Gegensinnigkeit von Körper und Geist und den Zwang zur geistigen Führung körperlicher Fähigkeiten und Fertigkeiten faßt Herder in folgendem Satz zusammen: "Das schwache Kind ist also, wenn man will, ein Invalide seiner obern Kräfte, und die Natur bildet diese unablässig und am frühesten weiter." (24) Kant hat diesen Satz sicher kopfschüttelnd gelesen, obwohl er nicht nur den Ansatz zu einer Strukturtheorie des Menschen geistreich in einem Bild zusammenfaßt, sondern auch im Sinne einer psychosomatischen Diagnostik Aussagekraft hat.

Mit dem folgenden, ebenfalls bewundernswürdigen Bild, in dem geschichtsphilosophisches und anthropologisches Denken noch in Balance gehalten sind, möchte ich diesen Exkurs zu Herder beenden: "Der Mensch ist der erste Freigelassene der Schöpfung; er stehet aufrecht. Die Waage des Guten und Bösen, des Falschen und Wahren hängt in ihm: Er kann forschen, er soll wählen." (25) Herder hat wohl schon geahnt, was im 20. Jahrhundert erst spruchreif geworden ist, daß nämlich die anthropologische Frage nach dem Menschen diesen nicht unverändert läßt.

Die soeben ausgebreitete kleine Sammlung schöner Stellen aus Herder hat den Hauptgedanken der Anthropologie Arnold Gehlens schon eingeführt und auch einige seiner Implikate demonstriert. Im folgenden soll nun der anthropologische Ort des Ästhetischen bei Gehlen angezeigt werden und damit ein erster zeitgenössischer Versuch, die Lehre des Menschen mit einer Theorie der Kunst bzw. des ästhetischen Verhaltens zu vermitteln.

Gehlen entwickelt seine Lehre vom Menschen aus einer einzigen biologischen Kernthese: De r Mensch ist ein Mängelwesen. Seine Instinktreduktion verlangt nach Kompensation. Er findet sie in der Handlung. Der Mensch ist aufgrund seiner physischen Organisation zur Handlung gezwungen. Die Unspezialisiertheit und Ausgliederung aus einer natürlichen Umwelt, die eine bedrohliche Situation für das Individuum und die Gattung hervorrufen, sind zugleich die Bedingungen für einen spezifisch-menschlichen Entwicklungsprozeß.

Für die Interpretation des ästhetischen Verhaltens wird Gehlens biologische Grundannahme nun auf zweifache Weise bedeutsam: Einmal versucht er "die tiefe biologische Verwurzelung des Schönen (mit Lorenz) nachzuweisen und zum anderen die Funktion des nur dem Menschen eigentümlichen ästhetischen Verhaltens in dem Argumentationskreis "Mängelwesen-Handlungsbestimmtheit" entspringen zu lassen. Den biologischen (!) Quellpunkt des Schönen sieht er in dem Merkmal der statistischen Unwahrscheinlichkeit der sog. Auslöser in Tier- und Menschenwelt, die zumeist aus selten auftretenden und dementsprechend Aufmerksamkeit erregenden Färbungen, Formen und Bewegungen bestehen. Beispielhaft sei hier auf das männliche Imponiergehabe bei der "Balz" hingewiesen. Was beim Tier als "Auslöser instinktiver Bewegungen" wirke, das erwecke im Menschen "jenes handlungslose ästhetische Entzücken." (26)

Die Abkoppelung der instinktiv festgelegten Verhaltensmuster von den wahrgenommenen, anschaulich gegebenen Auslösern ist also die Bedingung der Möglichkeit für ein spezifisch menschliches Verhalten, das ästhetische Verhalten, das von Gehlen insgesamt als entlastetes Verhalten charakterisiert wird: Die Sinnesorgane sind aufgrund der Instinktreduktion "vom Instinktdienst" entlastet. (27) Der ästhetische Genuß sei aus diesem Grunde handlungslos, freigestellt vom ansonsten universalen Zwang zur Handlung. Der ästhetische Komplex ist deshalb für Gehlen in biophysischer, d.h. für ihn grundlegender Hinsicht, ein "funktionslos gewordener, entmachteter Rest". (28) Wir fügen hinzu: Dem Blinddarm vergleichbar.

Aus dieser mißlichen Lage wird der appendix aestheticus durch zwei parallel verlaufende Prozesse befreit. Der "Reduktionsbestand jener entdifferenzierten Instinktresiduen" gerät in einen Beschleuniger, genannt: "Vitale Funktionslust", die aber, so ist hier einzuwenden, keineswegs ein ausschließlich menschliches Phänomen ist. Der zweite Prozeß wird von Gehlen als Inversion bezeichnet und ist der Versuch, die im Zusammenhang mit dem ästhetischen Verhalten nicht zu übersehenden geistigen Vorgänge zu erklären. Der ursprünglich biologische Zweck ist aufgehoben und der entmachtete Restbestand wird von einer neuen Zweckbestimmung aufgesogen, oder er konvertiert wie im Fall der abendländischen Kunst zum Selbstzweck.

Diese Konstruktion ist sehr geistreich, aber leider nur ein geistreicher Trick. Wie bei Hegel die List der Vernunft die Wirklichkeit dem Geist verfügbar macht, so ist es hier die List der Natur, die an der entscheidenden Stelle den Geist eine Schleife fahren läßt, die sog. Inversion. Das Problem kann hier nicht entfaltet, geschweige denn zufriedenstellend au gelöst werden, da diese Konstruktion deutlich macht, daß bei Gehlen der Geist zu "einem Naturproblem des Menschen" wird. (29) In diesem Punkt kann und muß eine differenzierte Auseinandersetzung mit Gehlens Vermittlung von Ästhetik und Anthropologie jedoch einsetzen, wenn Gehlens Konzeption für die Theoriebildung einer zukünftigen Anthropologie der Musik genutzt werden soll. Soviel läßt sich jedoch hier schon andeuten: Der Gedanke des Mängelwesens hat eine interpretatorische Grenze, die wahrscheinlich mitten durch das Gebiet des ästhetischen Verhaltens führt, also einiges erklärt aber anderes völlig entstellt, denn die Ausnutzung oder der Ausgleich oder die Kompensation eines Mangels bleibt, um es in einem fiskalischen Modell zu veranschaulichen, in den roten Zahlen, im Soll, und kann die Kontobewegung zum Haben alleine nicht verständlich machen. Trotzdem ist die Interpretation des ästhetischen Verhaltens als entlastetes Verhalten eine interessante Variante im Kreis der verschiedenen Theorien des Ästhetischen, da einige individuelle und kollektive Funktionen von Musik in Geschichte und Gegenwart unserer Gesellschaft damit erklärt werden können. Gehlens Anthropologie hat einen großen Einfluß auf die Geistes- und Sozialwissenschaften in unserem Jahrhundert ausgeübt und kann bei ihrem Reichtum an aussagekräftigen Analysen der sozialen und genuin-künstlerischen Phänomene noch außerordentlich viele Anregungen liefern und aufgrund ihres theoretischen Potentials auch weiterhin als Auslöser-Phänomen für homo- und heterogene Theorieansätze fungieren. Der kritischen Soziologie war und ist Gehlen ein Dorn im Auge und eine Art Agressionsauslöser wegen seiner konservativen Institutionentheorie, die er auch als Kompensation der Mängelsituation und der Begrenztheit der Handlungsmöglichkeiten entwickelte. Wenn ein kritischer Soziologe wie Dietmar Kamper behauptet, daß die Auseinandersetzung mit Gehlen heute nur noch eine rhetorische Pflichtübung sei, so ist hier wohl der Wunsch der Vater des Gedankens. Jedoch bleibt festzuhalten, daß Gehlen die menschlichen Ausdrucksphänomene und das ästhetische Verhalten anthropologisch nicht zufriedenstellend lokalisieren kann. Er zeigt zwar, wovon der Mensch freigesetzt und entlastet ist, aber nicht wofür. Deshalb hat sein Ansatz einen hohen Erklärungswert für solche Phänomene, die eine, so möchte ich dies nennen, "negative" Kompensation leisten, aber nicht für solche, die eine zusätzliche oder andere Sinnebene intendieren.

Nach wie vor ist also offen, wo denn jener fragliche Kreuzungspunkt anthropologischen und ästhetischen Denkens zu finden ist, der die gesuchte anthropologische Sinndeutung ästhetischen Verhaltens ermöglicht. Wenn ich meinen derzeitigen Kenntnisstand zugrundelege, so bleibt für mich einzig die philosophische Anthropologie von Helmuth Plessner übrig, die einen offenen, ideologisch nicht festgelegten und erklärungskräftigen Ansatz für die Lösung dieser Probleme bietet.

Die Interpretation der exzentrischen Positionalität, die das für die menschliche Lebensweise charakteristische Verhältnis dieses Lebewesens zu sich und zu seiner Umwelt auf den Begriff bringt, hat Plessner besonders im Hinblick auf die Ausdruckserscheinungen wie Lachen und Weinen, aber auch in bezug auf musikalische und andere gestalterische Aktivitäten des Menschen konkret durchgeführt. Der Ort an dem diese Potentiale entspringen, liegt in den gegensinnig verlaufenden Bezügen von Körper und Geist, in ihrer Gleichursprünglichkeit, in der für den Menschen charakteristischen Position des Leibseins und Körperhabens. Also ganz anders als bei Gehlen, wo sich der defizitäre Körper den Geist heranzieht oder eine geheimnisvolle Absicht der Natur der gefährdeten Spezies auf die Beine hilft.

In jenem eben gekennzeichneten Vermittlungszwang, der sich aus der Ambivalenz der natürlichen Lebensweise des Menschen ergibt, entdeckt Plessner den Geburtsort der Musik. Der gebotenen Kürze wegen ziehe ich gleich ein Fazit und lasse die argumentativen Zwischenstufen weg: Es ist deshalb sinnvoll nach Vermittlungen zwischen Anthropologie und Musikästhetik zu suchen, weil Musik selbst nichts anderes ist als eine Vermittlung, eine Vermittlung des Unmittelbaren, ein Moment in jenem komplizierten Beziehungsgefüge indirekt-direkter Art: "Eine indirekt-direkte Beziehung soll diejenige Form der Verknüpfung heißen, in welcher das vermittelnde Zwischenglied notwendig ist, um die Unmittelbarkeit der Verbindung herzustellen bzw. zu gewährleisten. Indirekte Direktheit oder vermittelte Unmittelbarkeit stellt demnach keine Sinnlosigkeit, keinen einfach an sich zugrundegehenden Widerspruch dar, sondern einen Widerspruch, der sich selber auflöst, ohne dabei zu Null zu werden, einen Widerspruch der sinnvoll bleibt, auch wenn ihm die analytische Logik nicht folgen kann." (30)

Bei Gehlen bleiben die Künste mit Bleifüßen auf dem Boden der natürlichen Natur stehen. Bei Plessner erhalten sie einen anthropologischen Ort im Vermittlungsgefüge der körperlichgeistigen Akte, der sowohl die Niederungen als auch die möglichen Höhen einbegreift.

Die mit der Laut- und Schalläußerung und den gleichlautenden Eindrücken ursprünglich verbundene Expressivität, der "emotionale Entladungs- und Entlastungswert" (31), bleibt auch in den sublimsten Formen (oft noch gesteigert) erhalten. Man denke nur an die hoch-expressiven Zurücknahmen Weberns. Auf sie trifft der folgende aus einem ganz anderen Bezug stammende Satz von Plessner zu: "Es ist eine Helligkeit und eine Distanz, in welche das eigene Ausdrucksleben rückt." (32) Es ist Plessners Verdienst, die menschliche Sinnlichkeit, den Fundamentalfaktor der ästhetischen Gestaltung, im Rahmen einer Strukturtheorie des Menschen aus ihrer unverschuldeten Unmündigkeit befreit zu haben, indem er sie im Horizont der gesamten Leistungsmöglichkeiten des Menschen neu interpretiert hat. Plessner hat sich dabei eben nicht von der philosophischen Tradition leiten lassen, sondern die entwickelten Künste abendländischer Provenienz als Lehrstücke angewandter Sinnlichkeit ernst genommen und studiert. Plessner hat keine große Schrift zur Ästhetik hinterlassen, wohl aber eine ganze Reihe von kleinen Beiträgen zur Geschichte und Theorie der Künste, die den Beginn dessen markieren, was er als die Aufgabe der Regionalanthropologien betrachtet hat, nämlich die Ausformulierung der exzentrischen Positionalität auf jedem Feld menschlichen Verhaltens.

Seine Untersuchungen zur Anthropologie der Sinne hat er auch als ästhetische Grundlagenforschung betrachtet, da in der Frage nach den Leistungsmöglichkeiten und Grenzen der sinnlichen Modi die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit des ästhetischen Verhaltens impliziert ist. Seine frühe Schrift "Die Einheit der Sinne" aus dem Jahre 1923 ist der groß angelegte, von der Kantschen Philosophie und der Phänomenologie inspirierte Versuch die "Sinngesetze der Sinnlichkeit" aufzudecken. (33) Diese Ansätze hat er später in den Schriften zur Anthropologie der Sinne und in der thematisch einschlägigen Arbeit zur "Anthropologie der Musik" weitergeführt.

Aus diesem Komplex möchte ich hier nur einen Gedankengang kurz vorstellen, und zwar den über den Zusammenhang von Verstehen, Sinnlichkeit und Motorik wie er bei der Musik vorliegt, weil hier ästhetische, psychologische und anthropologische Überlegungen zusammenlaufen. Plessner stellt in aufwendigen Erörterungen den Zusammenhang von menschlicher Haltung und Gestik mit dem Phänomen des Lautes und des Schalls fest und sieht in diesem Zusammenstimmen die grundsätzliche Möglichkeit des Verstehens von Musik. Er formuliert auf dieser Basis die Forderung einer Hermeneutik eigenen Rechts für die Musik. Das Zusammenstimmen von Haltung und Schall bezeichnet er mit dem Begriff der Akkordanz: "Die Akkordanz des akustischen Stoffs zur Haltung präzisiert scharf, soweit das in der Sphäre reinen Erlebens angeht, die ästhesiologische Bedingung der Möglichkeit sinnadäquater Gesten zur Musik. Sie ist also im strengsten Sinne die allgemeine Voraussetzung zum Verständnis und zum Ausdruck musikalischer Gehalte, sie ist ganz eigentlich die Bedingung der Möglichkeit der Musik schlechthin." (34) Aus dem materialen Apriori, das Plessner als Ergänzung zu Kants formalem Apriori für die Sinnlichkeit zu formulieren versucht, also aus dem materialen Apriori des akustischen Modus, vor allem der Voluminosität und dem Impulscharakter des Tons, die der "leibhaften Position des Menschen konform" seien (35), leitet Plessner nicht nur die Möglichkeit des Verstehens von Musik, sondern auch die Unmittelbarkeit ihrer Sinngebung ab.

Plessners Anthropologie bietet also nicht nur eine Ortstheorie des Ästhetischen, sondern auch eine Hermeneutik des nichtsprachlichen Ausdrucks, eine Strukturtheorie des musikalischen Verhaltens und Verstehens. Eine zukünftige Anthropologie der Musik findet hier solide Fundamente vor. Plessners Anthropologie entzieht andererseits jedem Versuch eine abgeschlossene Lehre vom Menschen zu entwickeln die Legitimation. Die zeitgenössische Anthropologiekritik hat diese theoretische Bodenlosigkeit entweder zustimmend zur Kenntnis genommen und darin die unvermeidliche Konsequenz aus der einmal in Gang gekommenen Reflexion auf die Reflexivität des Menschen gesehen oder/und sie als das unbewußte Eingeständnis des Scheiterns der philosophischen Anthropologie interpretiert, da sie die menschliche Lebensweise einseitig aus den Bedingungen des vereinzelten Individuums entwickele und die soziale Dimension damit verkürze. Hier ist in der Tat ein ganz entscheidendes Problem angesprochen, auf das ich an dieser Stelle nur hinweisen kann.

Aber vielleicht bietet die gemeinsame Problemgeschichte von Anthropologie und Ästhetik doch einen interpretatorischen Ansatz. Damit komme ich noch auf einmal auf das 18. Jahrhundert zu sprechen, um auf ein Problem unserer Zeit hinzuweisen. Ich erinnere daran, daß in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts neben der Geschichtsphilosophie zwei andere neue Philosophien entstanden, nämlich Ästhetik und Anthropologie, und daß sie die Funktion von Auswegen hatten. Sie sind der Versuch, hier folge ich wieder der Interpretation Odo Marquards, die Kosten, d.h. den Problemdruck, der Säkularisierung aufzufangen. Denn seit der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts gerät der einzelne Mensch und die europäische Menschheit unter einen zunehmenden Rechtfertigungsdruck. Der Mensch gerät in die Rolle des Angeklagten.

Die These lautet: "Daß fortan der Mensch als wegen der Übel der Welt absolut Angeklagter - vor einem Dauertribunal, dessen Ankläger und Richter der Mensch selber ist - unter absoluten Rechtfertigungsdruck, unter absoluten Legitimationszwang gerät." (36) Er sieht sich der Frage ausgeliefert: "Mit welchem Recht bist du so, wie du bist, und nicht vielmehr anders? Unter dem Druck dieser Frage muß sich fortan jeder Mensch in toto ständig zur Disposition stellen: Jedermann hat - als säkularisierte causa sui - ohne Pardon die totale Beweislast für sein eigenes Seindürfen und Soseindürfen. Zum exklusiven menschlichen Lebenspensum wird: Vor einem Dauertribunal, bei dem der Mensch zugleich als Ankläger und Richter agiert, die Entschuldigung dafür leben zu müssen, daß es ihn gibt, und nicht vielmehr nicht, und daß es ihn so gibt, wie es ihn gibt, und nicht viel mehr anders." (37) Ästhetik und Anthropologie entstehen in dieser Situation als Auswege, als Entlastung, als "Ausbruch in die Unbelangbarkeit", als Rückzugsgebiete einer überanstrengten Menschheit. Die Ästhetik ist dabei nur der theoretische Reflex: Die Kunst selbst wird zum Reservat der Unbelangbarkeit, der Entlastung. Hier lassen sich die beiden vorgestellten Gedankenkreise, der eine aus dem 18. und der andere aus dem 20. Jahrhundert verknüpfen, und es zeigt sich, daß hier in Wahrheit eine Spirale mit offenem Ende vorliegt. Wer sich in diese Spirale einfädelt, sollte über die Kraft, die sie weiter treibt, Bescheid wissen.

Schließen möchte ich mit einem Satz von Marquard, der als Motto sowohl für das 18. als auch für das 20. Jahrhundert Gültigkeit hat: "Sage mir, wie du kompensierst, und ich sage dir, wer du bist." (38)

Anmerkungen:

1) Dahlhaus, Musikästhetik S. 10

2) Eggebrecht, Grenzen der Musikästhetik, S. 81

3) a.a.O., S. 78

4) siehe zum Folgenden: Marquard, Art. "Anthropologie", in: Hist. Wörterbuch der Ph., Bd. 1; ders., Zur Geschichte des philosophischen Begriffs "Anthropologie" seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, in: ders., Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie

5) Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, Werke Bd. 10 (Weischedel-Ausgabe), S. 399

6) ebd.

7) a.a.O., S. 400

8) Marquard, Art. "Anthropologie", S. 366

9) Dahlhaus hält dies aus der Sicht des Chronisten und Interpreten der autonomen Musik für das entscheidende Problem der Kantschen Ästhetik: "Der Begriff der ´ästhetischen Idee´ ist das verborgene Zentrum in Kants Ästhetik." Ihre Funktion ist die Vermittlung "vom bloßen Spiel der Empfindungen zum Spiel der Erkenntnisvermögen. Sie (die äst. Ideen, R. S.) sind das Medium für das ´Hinaussehen´ des Geschmacksurteils auf das Intelligible." Dahlhaus, Zu Kants Musikästhetik, S. 344 u. 345

10) Marquard, Kant und die Wende zur Ästhetik, S. 368

11) Kant, "Anthropologie", S. 505

12) a.a.O., S. 432

13) a.a.O., S. 433

14) Herder, Werke Band 15 (1819), S. 214

15) ebd.

16) a.a.O., S. 215

17) a.a.O., S. 217

18) a.a.O., S. 216

19) Löwith, "Natur und Humanität des Menschen", S. 266

20) a.a.O., S. 269

21) Herder, "Ideen", S. 140

22) a.a.O., S. 142

23) ebd.

24) a.a.O., S. 141

25) a.a.O., S. 144

26) Gehlen, "Über einige Kategorien des entlasteten zumal des ästhetischen Verhaltens", S. 240

27) a.a.O., S. 241

28) a.a.O., S. 242

29) Marquard, "Zur Geschichte", S. 136

30) Plessner, "Die Stufen des Organischen", S. 324

31) ders., "Anthropologie der Musik", S. 187

32) ders. , "Philosophische Anthropologie", S. 52

33) ders., "Die Einheit der Sinne", S. 32

34) a.a.O., S. 236

35) ders., "Anthropologie der Musik", S. 189

36) Marquard, "Der angeklagte und der entlastete Mensch", S. 50

37) a.a.O., S. 50/51

38) a.a.O., S. 46

Literaturverzeichnis

Dahlhaus, C., Zu Kants Musikästhetik, in AfMw, X, 1953, S. 338-347

ders. Musikästhetik, Köln 1967

Eggebrecht, H. H., Grenzen der Musikästhetik?, in: Ästhetik heute. 7 Vorträge, hrsg. v. Anastasios Giannaras, München 1974, S. 72-90

Gehlen, A. Über einige Kategorien des entlasteten, zumal des ästhetischen Verhaltens, in: Henrich, D./Iser, W. (Hrsg.), Theorien der Kunst, Frankfurt/M. 1982, S. 237-251

Herder, J.G., Sämtliche Werke, Bd. 15. Zur Philosophie der Geschichte (Kalligone), Stuttgart/ Tübingen 1819 (Cotta)

ders., Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, Bd. 1, Berlin/Weimar 1965

Kant, I., Werke Bd. 10 (Weischedel-Ausgabe), Darmstadt 1975

Löwith, K., Natur und Humanität des Menschen in: ders., Sämtliche Schriften 1. Mensch und Menschenwelt, Stuttgart 1981

Marquard, 0., Kant und die Wende zur Ästhetik, in: Zeitschrift für philosophische Forschung 1962, 14. S. 231-243 und 363-374

ders., Art. "Anthropologie", in: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Hrsg. v. J. Ritter und K. Gründer, Bd. 1, 1971

ders., Zur Geschichte des philosophischen Begriffs "Anthropologie" seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, in: ders., Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie, Frankfurt/M., 1973

ders., Der angeklagte und entlastete Mensch in der Philosophie des 18. Jahrhunderts, in: ders., Abschied vom Prinzipiellen, Stuttgart 1981

Plessner, H., Philosophische Anthropologie, Frankfurt/M. 1970

ders., Die Stufen des organischen und der Mensch: Einleitung in die philosophische Anthropologie, Berlin 1975 (Neuausgabe: ders., Gesammelte Schriften IV, Frankfurt/M. 1981)

ders., Die Einheit der Sinne. Grundlinien einer Ästhesiologie des Geistes in: ders. Gesammelte Schriften III, Anthropologie der Sinne, Frankfurt/M. 1980

ders., Anthropologie der Musik, in: ders. Gesammelte Schriften VII, Ausdruck und menschliche Natur, Frankfurt/M. 1982