Aus: Günther Noll/Wilhelm Schepping (Hg.): Musikalische Volkskultur in der Stadt der Gegenwart. Tagungsbericht Köln 1988 der Kommission für Lied-, Musik- und Tanzforschung in der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde e.V., Hannover: Metzler 1992 (=Musikalische Volkskunde Materialien und Analysen BD. X), S. 74-83

Raimund Hegewald

AUSLÄNDISCHE MUSIK- UND TANZKULTUR IM KÖLNER RAUM

Die Beschäftigung mit ausländischer Musik- und Tanzkultur lag bisher hauptsächlich im Interessensgebiet der Ethnologie und speziell der Musikethnologie, die sich bis vor einigen Jahren ausschließlich der Erforschung von Musik fremder, außereuropäischer Kulturen in ihren Ländern widmete. Erst seit Beginn der 80er Jahre richtet sich das Augenmerk deutscher Musikethnologen auch auf Erscheinungsformen ausländischer Musikkultur im eigenen Land. Hie und da gab es schon vorher angesichts der wachsenden Anzahl von ausländischen Kindern in den Schulen vereinzelte Ansätze von seiten der Musikpädagogik, Feldforschung in der eigenen Studien- oder Schulumgebung zu betreiben. Jedoch kann man auch in der Musikpädagogik den Beginn der 80er Jahre als Wendepunkt für die Beschäftigung mit ausländischer Musikkultur in der Bundesrepublik sehen. Die Veröffentlichungen über dieses Sujet befassen sich hauptsächlich mit der türkischen Musikkultur, die aufgrund ihrer modalen und rhythmischen Unterschiede zur westeuropäischen Musik eine Besonderheit darstellt. Weniger Beachtung fand bisher die Musik- und insbesondere Tanzkultur anderer Ausländer in der Bundesrepublik.

Im Frühjahr 1987 untersuchte ich im Rahmen eines Projekts des Instituts für Musikalische Volkskunde der Universität zu Köln musikkulturelle Aktivitäten von Ausländern im Raum Köln, in die ich Ihnen heute einen Einblick verschaffen möchte. Hauptziel der Arbeit war die Erstellung einer Dokumentation von Musik- und Folkloretanzgruppen verschiedener Nationalitäten, um einen Überblick über deren Aktivitäten zu gewinnen. Neben der Aufzeichnung von Auftritten und Kulturveranstaltungen mit Tonband und Videokamera besuchte ich Proben der Gruppen und befragte Leiter und Mitglieder über ihre Aktivitäten. Außer der allgemeinen Beschreibung der Gruppen untersuchte ich folgende drei Fragestellungen näher, die mir im Hinblick auf die bikulturelle Situation der Ausländer wichtig erschienen:

1. Aus welchen Gründen nehmen die Mitglieder an diesen Aktivitäten teil, und wie stark sind sie motiviert?

2. Wie stark ist die Bereitschaft der Ausländer, Deutsche in ihren Aktivitäten aufzunehmen?

3. Welche Hörgewohnheiten haben Ausländer, die im musikkulturellen Bereich tätig sind? Ich möchte hier nur kurz die wichtigsten Ergebnisse der Befragung wiedergeben, um im Anschluß daran ausführlicher auf die Beschreibung der Aktivitäten einzugehen. Wenn im folgenden verschiedene Nationalitäten miteinander verglichen werden, so muß hinzugefügt werden, daß kein Anspruch auf Repräsentativität erhoben wird.

zu 1.: Die Frage nach den Gründen, aus denen die Aktivität betrieben wird, stellte ich nur an die Mitglieder der Tanzgruppen. Es stellte sich heraus, daß für den größten Teil der Tänzer die Pflege der eigenen Kultur am wichtigsten ist. Ungefähr die Hälfte der Befragten gab an, eine Abwechslung im Alltagsleben zu suchen. Genausoviele wollen andere Leute treffen. Die Frage, ob die Mitglieder tanzen, um ihren Körper zu bewegen, wurde in erster Linie von Spaniern, Jugoslawen und Italienern positiv beantwortet. Nur ungefähr ein Viertel aller Tänzer halten öffentliche Auftritte für wichtig.

zu 2.: Die Bereitschaft zur Einbeziehung Deutscher in die Gruppenaktivitäten sollte untersucht werden, um herauszufinden, wie stark die Ausländer sich gegenüber der Gesellschaft des Gastlandes abgrenzen. Der größte Teil der Befragten begrüßte die Beteiligung Deutscher an den Aktivitäten. Besonders positiv äußerten sich Türken und Iraner zu diesem Punkt. Ein Zusammenhang zwischen dieser Frage und der Aufenthaltsdauer der Befragten in der Bundesrepublik ließ sich damit nicht erkennen. Jedoch trägt die Aufenthaltsmotivation zu einer steigenden Akzeptanz von Deutschen bei der Gruppenaktivität bei. Von deutscher Seite ist nur ein geringes Interesse an der Beteiligung an ausländischer Musik- und Tanzkultur zu beobachten.

zu 3.: Ausgehend von der Tatsache, daß der größte Teil der befragten Ausländer aus Jugendlichen besteht, die in der Bundesrepublik aufgewachsen sind, sollte untersucht werden, wie stark Vorlieben für deutsche Musik gegenüber der eigenen in Erscheinung treten. Als Orientierungshilfe für die Erstellung der Fragen und als Vergleichsmöglichkeit zu den Vorlieben von deutschen Jugendlichen legte ich die Arbeit von Klaus-Ernst Behne über Hörertypologien zugrunde. Schon allein der Grund, daß sich fast alle Probanden in einer Volkstanzgruppe befinden, legt die Vermutung nahe, daß gerade die ausländische Volksmusik von den meisten bevorzugt wird. Dies bestätigte meine Untersuchung. Eine Parallele vom Musikgeschmack ausländischer Jugendlicher zu dem deutscher läßt sich dennoch erkennen, betrachtet man die Vorlieben für Disco-Musik, die bei den Ausländern an zweiter Stelle liegen.

Im folgenden will ich näher auf die Beschreibung der Aktivitäten eingehen. Dabei beschränke ich mich auf die Nationalitäten, die man im traditionellen Sinn als "Gastarbeiter" bzw. "Ausländische Arbeitnehmer" bezeichnet. Diese Bezeichnungen lassen sich nicht ohne Vorbehalt auf die im Kulturbereich tätigen Ausländer übertragen, da man z.B. Studenten und Schüler nicht unter die Gruppe der Arbeitnehmer zählen kann. Wie vielschichtig das Gebiet ist, erkennt man erst bei näherer Beschäftigung mit dem Thema. Ich kann in diesem Rahmen nur einen kleinen Ausschnitt dessen darstellen, was uns in einer Stadt wie Köln an ausländischer Musik- und Tanzkultur begegnet und hoffe damit Anregungen zu weiteren Untersuchungen dieser Art zu geben.

Die Stadt Köln ist als größte Stadt Nordrhein-Westfalens mit Universität und zahlreichen Industrieunternehmen, wie z.B. die Ford-Werke oder diverse Chemiebetriebe, ein Akkumulationspunkt für Ausländer unterschiedlichster Nationalität. 1986 lebten hier insgesamt 137.000 Ausländer, das sind 14% der Gesamtbevölkerung. Davon waren fast die Hälfte Türken (44,2%). Die zweitgrößte ausländische Bevölkerungsgruppe stellten die Italiener mit 13,9%. Dahinter kamen Jugoslawen (6,3%), Griechen (5,4%) und Spanier (2,5%). Es gibt in Köln nur einige wenige professionelle ausländische Musiker, die von ihrer Musik leben können und noch weniger Profi-Tänzer. Spanier und Italiener sind aufgrund ihrer westeuropäisch geprägten Musik eher dem klassischen Konzertbetrieb (mit Operngesang und Flamencomusik) verhaftet, während Türken entweder im Pop-Musikbereich tätig sind oder ihren Lebensunterhalt durch Unterhaltungs- und Tanzmusik auf Hochzeiten und anderen Festen bzw. in den verschiedenen türkischen Restaurants verdienen.

Der größte Teil der musikkulturellen Aktivitäten von Ausländern vollzieht sich im Amateurbereich und findet in der Freizeit statt. Kinder und Jugendliche sind besonders stark daran beteiligt. Neben der Begegnung mit Menschen gleicher Nationalität nutzen sie die Auftrittsmöglichkeiten bei Ausländerfesten, Gemeindefeiern, Schul- und Stadtteilfesten, um sich und ihre Kultur zu präsentieren.

In der Regel treffen sich die Gruppen einmal in der Woche nachmittags oder abends in den Räumlichkeiten ihres Vereins oder einer Gemeinde. Der Ort der Zusammenkunft ist abhängig von der Nationalität. Die spanischen und italienischen Aktivitäten sowie die der Kroaten sind überwiegend einer kirchlichen Institution, wie der Caritas oder einer Mission, angegliedert, die die Räume stellt und auch finanzielle Unterstützung leistet. Türkische, griechische und die meisten jugoslawischen Gruppen haben ihren Treffpunkt in einem eigenen Vereinslokal. Für Folkloretanzgruppen werden jedoch auch öffentliche Gebäude, wie Bürgerzentren und Schulen, in Anspruch genommen, oder sie bekommen von nichtkonfessionellen karitativen Organisationen, wie z.B. der Arbeiterwohlfahrt, Räume zur Verfügung gestellt. Im Bereich der Schulen wird von seiten der ausländischen Eltern und Lehrer verstärkt versucht, den Kindern und Jugendlichen durch das Angebot von Arbeitsgemeinschaften und freiwilligen Nachmittagsveranstaltungen ihre Kultur nahezubringen. In Köln gibt es dieses Angebot hauptsächlich für griechische und türkische Schüler. Von den genannten Nationalitäten habe ich im Raum Köln-Düsseldorf-Neuss allein 80 Gruppen vorgefunden. Den größten Teil machen die Tanzgruppen aus. Es gibt allein 43 türkische Folkloretanzgruppen in Köln. Daneben existieren einige Musikgruppen, darunter 5 Chöre von Italienern, Spaniern, Kroaten und Türken. Hinzu kommen die Aktivitäten von Menschen aus anderen Kontinenten, wie z.B. aus Asien Iraner, die in Köln zwei Tanz- und zwei Musikgruppen gegründet haben, Südamerikaner, Afrikaner u.a.

Im folgenden werde ich näher auf die Problematik der Ausprägungen in den einzelnen Musikkulturen von Türken, Italienern, Jugoslawen und Spaniern eingehen.

Türken

Am stärksten vertreten sind in Köln die musikkulturellen Aktivitäten von Türken. Zum einen existieren verschiedene Amateurmusikgruppen, zu denen die türkischen Chöre und klassische Instrumentalensembles zählen. Für Jugendliche werden von den verschiedenen türkischen Vereinen Sazgruppen organisiert, in denen sie das Spiel der türkischen Langhalslaute Saz erlernen können. In einer weitaus größeren Anzahl gibt es Folkloretanzgruppen, deren Aktivitäten ich hier beschreiben möchte.

Seit Beginn der 80er Jahre sind viele türkische Tanzgruppen in Köln und Umgebung entstanden. Teilweise wurden sie von Vereinen gegründet, die ihre Ziele im Umfeld von Schule und Ausbildung verfolgen, wie z.B. die türkischen Eltern- und Lehrervereine. Bei anderen war es so, daß sich aus Tanzgruppen ein Verein entwickelte, der ihnen als "eingetragener Verein" mehr Möglichkeiten bietet. Außerdem gibt es Vereine von Kurden, Tscherkessen und anderen türkischen Minderheiten, die in ihrem eigenen Land verfolgt werden und in der Bundesrepublik die Möglichkeit nutzen, ihr kulturelles Erbe, das von offizieller türkischer Seite nicht als eigenständig anerkannt wird, zu pflegen. Die beliebtesten Tänze der Türken stammen aus Regionen wie Elazig, Diyabakir, Bitlis, die zum Gebiet Kurdistans gehören.

In Köln gibt es mehrere kurdische Vereine, von denen mindestens zwei eine eigene Tanzgruppe haben. Jedes Jahr im März werden von den verschiedenen kurdischen Vereinen Veranstaltungen zum Neujahrs-Fest "Newroz" organisiert, bei denen Tanz- und Musikgruppen auftreten. Die Feier zu "Newroz" geht auf eine Legende zurück, nach der vor ca. 2600 Jahren ein Schmied namens Kawa die Bevölkerung Kurdistans von der Herrschaft des Tyrannen Dehak befreit hat. In jüngster Zeit haben sich die Aktivitäten der Kurden im Bereich der Folklore verringert, da bereits bei mehreren kurdischen Kulturveranstaltungen Bombenanschläge verübt wurden.

Ein Teil der türkischen Schülergruppen wird von dem in Chorweiler, einem Stadtteil im Kölner Norden, ansässigen "Deutsch-Türkischen Verein" (DTV) unterstützt, der sowohl Originaltrachten für Auftritte ausleiht, die aus verschiedenen Regionen der Türkei eingekauft wurden, als auch den Tanzlehrer bezahlt, der aus der Türkei nach Deutschland kam, um den Schülern türkische Tänze beizubringen. Er ist einer der wenigen in Köln, die das Spiel auf der "Zurna" beherrschen. "Zurna" ist ein Doppelrohrblasinstrument wie die Oboe. Sie ist diatonisch gestimmt und wird mit Hilfe einer besonderen Atemtechnik - der Zirkularatmung - gespielt. Während der Zurna-Spieler die in den Wangen angesammelte Luft in das Instrument bläst, atmet er gleichzeitig durch die Nase Luft ein. So kann er kontinuierlich, ohne Unterbrechung spielen. Dieses Instrument wird häufig zusammen mit der "Davul", einer großen Baßtrommel, zur Begleitung von Tänzen gebraucht. Da es nicht viele Zurna-Spieler gibt, werden diese oft für Auftritte aus anderen Städten geholt. Selbst wenn die Tanzgruppe kostenlos auftritt, müssen die Musiker immer bezahlt werden, da sie von ihrer Musik leben. Einen Tanz aus der Stadt "Yozgat", in der Nähe von Ankara, werde ich Ihnen jetzt auf Video vorführen. Die Tänzerinnen sind Mitglieder einer Schülergruppe des DTV von der Hauptschule Köln-Chorweiler. Die Musik wird mit Davul und Zurna gespielt. Der Tanz gehört zu der Gattung des "Halay", der in Mittel-, Ost- und Südostanatolien beheimatet ist.

Das Ziel des DTV besteht darin, möglichst vielen türkischen Jugendlichen die Gelegenheit zu geben, ihre Kultur bzw. die Kultur ihrer Eltern kennenzulernen. Unter Kultur wird hier in erster Linie Musik- und Tanzkultur verstanden. Dabei legen die Lehrer nach eigenen Aussagen viel Wert auf Authentizität der Tänze.

Neben dieser übergreifenden Organisation existieren verschiedene lokale Elternvereine, die Tanzlehrer - meist Studenten - engagieren, um ihren Kindern Tänze beibringen zu lassen. Für die Eltern ist es von Bedeutung, daß ihren Kindern die Heimatkultur weitervermittelt wird. Dafür scheuen sie auch die Kosten für Originaltrachten nicht, die in der Türkei eingekauft werden und wenigstens 100,- bis 200,- DM kosten. Seltener werden die Kostüme nach Originalen oder nach Abbildungen in Deutschland angefertigt. Oft reicht das Geld nicht für die Anschaffung von mehreren Trachten, so daß Tänze aus verschiedenen Regionen mit den gleichen Trachten getanzt werden müssen. Besonders häufig wird das Schuhwerk von den Schülergruppen vernachlässigt. An einem Videobeispiel zeige ich Ihnen, wie eine Gruppe aus der Gesamtschule Büderich, einem Stadtteil von Neuss, den Tanz "Dello" aus der Region Elazig tanzt. Die Tänze aus dieser Provinz im Osten der Türkei gehören auch der Gattung "Halay" an. Die Kleidung der Männer stammt allerdings nicht aus Elazig, sondern aus der Mittelmeerregion, aus Silifke. Außerdem tragen die Jungen keine Original-Lederschuhe, sondern Turnschuhe.

Als Kontrast folgt im Anschluß daran eine Tanzgruppe aus der Gesamtschule Holweide im Nordosten Kölns. Ihre Trachten sind vollständig und originalgetreu. Der Tanz aus der Stadt Akcabat wird von einem einzigen Instrument begleitet: der Kemence, einem dreisaitigen Streichinstrument von der Schwarzmeerküste. Der Tanz aus der Gattung der "Horon"-Tänze hat einen militärischen Charakter und ist normalerweise über 10 Minuten lang. In dem Ausschnitt, den sie sehen werden, tanzen Männer und Frauen zusammen in einer Reihe. Dabei bleibt der Oberkörper steif, und nur die Arme und Beine werden bewegt. Der Tänzer in der Mitte gibt die Kommandos. Zum Ende hin wird der Tanz immer schneller, und es tanzen nur noch die Männer, die mit ihren Stiefeln auf den Boden treten und harte Stampfgeräusche erzeugen.

Wieviel Wert auf Authentizität von Trachten, Musik und Gestaltung der Tänze gelegt wird, hängt einzig und allein von dem Tanzlehrer ab. In der Türkei gibt es eine spezielle Ausbildung für Tanzlehrer, die bei bestandener Prüfung ein Zertifikat über die Regionen bekommen, aus denen sie Tänze weitervermitteln dürfen. Zusätzlich gibt es regionale und überregionale Wettbewerbe, in denen Maßstäbe gesetzt werden, die von den meisten Tanzgruppen eingehalten werden.

Die Situation in Deutschland unterscheidet sich davon grundsätzlich: Zum einen ist das Wissen über die Tanzkultur im allgemeinen geringer, oder es wird nicht soviel Wert darauf gelegt: Viele Tänzer kennen nicht einmal den Namen des Tanzes, den sie tanzen, sondern nur den Namen der Provinz, aus der dieser Tanz kommt. Die Trachten sind nicht immer originalgetreu, wie man an dem zweiten Videobeispiel sah, und auch die Musik bzw. die Instrumentierung ist nicht immer authentisch. Zum anderen werden türkische Volkstänze gern zum Zwecke der Repräsentation türkischer Kultur vor deutschem Publikum vorgeführt, mit dem Ziel, anerkannt zu werden und damit den eigenen sozialen Status aufzuwerten.

Der türkische Jugendverband "Türk Genclik Birligi Halk Oyunlari Toplulugu e.V. Köln" (TÜHOT) hat diese Problematik erkannt und sich zum Ziel gesetzt, seinen Mitgliedern eine umfassende Tanzausbildung zu gewährleisten. Darunter zählt nicht nur das Erlernen der Tanzschritte und -formationen, sondern auch das Aneignen von theoretischem Wissen über Herkunft und Funktion der Tänze einschließlich theoretischer Prüfungen. Für diese Ausbildung wurden 6 Tanzlehrer aus der Türkei engagiert, die den 16- bis 25jährigen Jugendlichen Tänze aus 8 verschiedenen Regionen der Türkei (Artvin, Bingöl, Bitlis, Edirme, Elazig, Gaziantep, Kars und Silifke) beibringen. Für eine wissenschaftliche Begleitung der Tanzausbildung hat der Verein Kontakte zur Marmara-Universität in Istanbul geknüpft, mit deren Hilfe ein Trainingsprogramm für die Tänzer erarbeitet wurde, das jedes Mitglied des Vereins absolvieren muß. Nach bestandener Prüfung über die Tänze mehrerer Regionen besteht die Möglichkeit, ein Zertifikat als Tanzlehrer zu erwerben. Diese Ausbildung ist zumindest im Kölner Raum einmalig und bedeutet für die türkische Volkstanzkultur in Deutschland insofern eine große Bereicherung, daß die Volkstänze möglichst unverfälscht weitergegeben werden. Es gibt Pläne von dem Verein TÜHOT, auch in der Bundesrepublik türkische Folkloretanzwettbewerbe stattfinden zu lassen, wie sie in der Türkei schon bestehen, um den Tanzgruppen einen Anreiz zu bieten, sich intensiver mit ihrer Kultur auseinanderzusetzen und die Traditionen zu erhalten.

Italiener

Obwohl die Italiener mit einem Anteil von 13,9% die zweitgrößte Ausländergruppierung innerhalb Kölns ausmachen, sind ihre musikkulturellen Aktivitäten im Gegensatz zu denen anderer Nationalitäten relativ gering. Dafür möchte ich zwei Gründe anführen:

Zum einen unterschieden sich Italiener nicht in dem Maße wie Türken, Jugoslawen oder Griechen von den Deutschen, da sie dem gleichen Kulturkreis angehören, der von der römisch-katholischen Kirche geprägt ist, so daß eine stärkere Assimilation an die deutsche Kultur stattfinden kann. Zum anderen gehören Italiener zu den ersten ausländischen Arbeitnehmern, die in die Bundesrepublik kamen. Nachdem Anwerbeverträge mit anderen Ländern abgeschlossen wurden, verringerte sich der Zuzug der Italiener. Besonders in den 70er Jahren ging die Zahl der italienischen Wohnbevölkerung in der Bundesrepublik stark zurück. Viele Italiener kehrten heim. Inzwischen ist in der Bundesrepublik die zweite Generation herangewachsen und zeigt nur noch geringes Interesse an der eigenen Kultur. Der Prozeß der Assimilation läßt sich z.B. gut an dem Bergsteigerchor "Coro Friuli" abzeichnen, der bereits 1968 in Köln von 25 Italienern aus Friulien/Norditalien gegründet worden ist. Von den 25 Gründungsmitgliedern singen heute noch vier mit. Nach deren Aussagen verließen in den 70er Jahren viele Mitglieder den Chor, um nach Italien zurückzukehren. An ihrer Stelle traten in zunehmendem Maße deutsche Sänger ein. Inzwischen hat der Chor 8 deutsche Mitglieder.

Eine von 3 mir bekannten italienischen Folkloretanzgruppen in dieser Region hat sich im Mai 1985 unter dem Namen "Stella folkloristika" gebildet, die ausschließlich aus Schülern einer italienischen Ganztagsschule in Köln-Esch besteht. Diese Gruppe ist wie der "Coro-Friuli", von dem gerade die Rede war, der katholischen Kirche angegliedert. Ihre Proben finden in dem Raum eines katholischen Pfarrzentrums statt, das sie auch finanziell unterstützt. Zu der Musik, die sie von Schallplatten aus Süditalien abspielen, gestalten sie ihre Tänze und Tanzformationen selber, bemüht, großen Wert auf originalgetreue Darstellung zu legen. Ihnen sind die anderen Freizeitaktivitäten, in welche die Proben eingebunden sind, genauso wichtig wie die Auftritte mit ihren Tänzen, von denen ich Ihnen einen vorführen möchte. Es ist eine Tarantella mit immer gleichen Grundschritten. Die Tanzfiguren wurden von den Jugendlichen selbst entworfen.

Jugoslawen

Aufgrund der Untergliederung Jugoslawiens in mehrere Teilrepubliken, die von unterschiedlichen Kulturen geprägt wurden, läßt sich nicht von einer einheitlichen jugoslawischen Musikkultur sprechen. Dies spiegelt sich auch innerhalb der jugoslawischen Bevölkerung der Bundesrepublik wieder. In Köln gibt es zwei unterschiedliche Gruppierungen.

Mit der Gründung des Vereins "Jugoslawia" im Jahre 1972 in Köln entstand ein Kulturzentrum, das einen Treffpunkt für jugoslawische Arbeitnehmer bildet. Es wird von der Arbeiterwohlfahrt unterstützt und ist eher nationalistisch orientiert. Zur gleichen Zeit wie das Zentrum entstand auch die Tanzgruppe Piomirsko Omladinsko Kulturno-Unjetnicko Drustvo (POKUD) "Bosko Buha" (Künstler-Kulturverein für Kinder und Jugendliche "Bosko Buha"). Sie übernahm den Namen des jugoslawischen Jungen Bosko Buha, der im 2. Weltkrieg im Alter von 16 Jahren erschossen worden ist. Für die gegenwärtig 70 Mitglieder im Alter von 10 bis 20 Jahren ist dies in erster Linie ein Treffpunkt, an dem sie mit anderen Jugendlichen zusammenkommen können. Der größte Teil der Mitglieder wäre auch bereit, Deutsche in die Gruppe aufzunehmen, obwohl kein deutscher Teilnehmer zu ihr gehört. Einen Anreiz für die Tänzer bieten zusätzlich ca. 20 Auftritte im Jahr, die vom Verein organisiert und finanziert werden und manchmal auch im Ausland - Belgien, Frankreich, Jugoslawien - stattfinden. Dies dient nicht nur Repräsentationszwecken des Vereins, sondern sie vertreten damit auch die Kultur des jugoslawischen Staates im Ausland. Im Gegensatz dazu orientieren sich die Kroaten stärker an der katholischen Kirche. In der Nähe des jugoslawischen Vereinslokals in Köln gibt es eine Kroatische Mission. Dort können Jugendliche an Schreibmaschinenkursen, kroatischen Sprachkursen und am Religionsunterricht teilnehmen. Die als Kirchenmusikerin ausgebildete Missionsschwester leitet außerdem einen Chor mit 40 Kindern und Jugendlichen, und jedes Wochenende treffen sich mehrere Folkloretanzgruppen in verschiedenen Altersgruppen. Eine Musikgruppe begleitet die Tänzer gelegentlich bei Auftritten. In dieser Musikgruppe konnte ich sehr gut die unterschiedlichen Interessen von Jugendlichen und Erwachsenen beobachten. Während die Erwachsenen sehr stark der traditionellen folkloristischen Musik verhaftet sind, fühlen die Jugendlichen sich eher von Popmusik angesprochen. Dies drückt sich z.B. in der Instrumentierung aus: Die beiden erwachsenen Mitglieder der Musikgruppe spielen ausnahmslos die beiden traditionellen Instrumente Danguba und Bugarija - zwei Saiteninstrumente, die in Form und Spielweise einer Gitarre ähneln. Die Jugendlichen beherrschen diese Instrumente zwar auch, tendieren jedoch eher dazu, elektrisch verstärkte Instrumente, wie E-Gitarre, E-Baß und E-Piano zu spielen. Sobald sie unter sich sind, machen sie mit drei Sängerinnen zusammen Popmusik und treten damit gelegentlich außerhalb des kroatischen Zentrums auf.

Die Gestaltung von Gemeindefesten zu den drei wichtigsten kirchlichen Feiertagen der Kroaten - Weihnachten, Fronleichnam und Muttertag - wird in der Regel von allen Gruppen der Kinder und Jugendlichen übernommen. Bei einer Muttertagsfeier konnte ich dabei sein. Neben szenischen Spielen zur Nationalhymne traten die verschiedenen Folkloretanzgruppen auf. Dazwischen wurden von Kindern Texte zum Muttertag rezitiert. Den Höhepunkt des Nachmittags bildete eine Popgruppe aus Zagreb.

Sehen Sie einen Ausschnitt aus der Muttertagsfeier mit zwei Tänzen. "Bunjevac" oder "Bunjevka" heißt der erste Tanz aus der Region Backa, im Nordosten Jugoslawiens. Die Musiker, die die Tänzer auf den bereits beschriebenen Originalinstrumenten begleiten, spielen eine kurze, sich immer wiederholende Melodie. Bei jeder Wiederholung tritt ein Junge mit zwei Mädchen nach vorn, führt sie zu einer Drehung und reiht sich wieder mit den Mädchen in den Kreis der Tänzer ein. Bei dieser kroatischen Gruppe gab es nicht genug Jungen, so daß einige Mädchen deren Rolle übernehmen mußten.

Der zweite Tanz heißt "Razanac". Er stammt aus Dalmatien von der Insel Pag an der Adria. Er wird allein von Frauen und ohne instrumentale Begleitung getanzt. Eine Vortänzerin gibt die Kommandos für die Schritte. Während der ruhigen Phasen des Tanzes singen die Frauen von einem kleinen Dorf, in dessen Mitte sich ein kleiner Brunnen befindet.

Spanier

Zum Abschluß möchte ich einen Ausschnitt aus den spanischen Aktivitäten vorstellen, die im Kölner Raum einen nicht unbedeutenden Platz einnehmen. Spricht man in Deutschland von spanischen Tänzen, so kommt einem sofort der Flamenco in den Sinn, der in der Tat von vielen Spaniern in Deutschland getanzt wird. Aber auch aus Kastilien, Galizien, Katalanien und anderen Regionen Spaniens kommen viele Tänze, die Spanier hierzulande pflegen. So befindet sich in Köln z.B. ein galizisches Zentrum mit einer Folkloretanzgruppe, die sich auf nordspanische Tänze spezialisiert hat: Die galizischen "Mufieras", sowie "Jotas" aus Aragonien, die auch von Jungen getanzt werden. In der überwiegenden Anzahl bestehen die spanischen Folkloregruppen jedoch aus Mitgliedern weiblichen Geschlechts.

Einen zentralen Treffpunkt für Spanier bildet die spanische katholische Gemeinde an Groß-St-Martin, im Zentrum von Köln. Dort treffen sich nicht nur die Kinder und Jugendlichen zum Religionsunterricht und Folkloretanz, sondern auch Erwachsene. Jeden Freitag treffen sie sich zum Tanzen, Singen und Musizieren. Die Mitglieder des Chores "Las Cantigas" studieren neben spanischen Volksliedern auch mehrstimmige Kirchenlieder ein, mit denen sie des öfteren den Gottesdienst der spanischen Gemeinde gestalten. Im Anschluß an die Chorproben findet die Probe des spanischen Tanzkreises statt, an der viele Sänger teilnehmen. Gleichzeitig probt in einem anderen Raum die "Tuna", eine Musikgruppe, die in der Tradition der spanischen Studentengruppen steht. Diese Tunas studieren Liebeslieder ein, um sie des Abends unter dem Balkon der Angebeteten erklingen zu lassen.

Die Kölner Spanische Mission bildet nicht nur eine Zentrale für solche Aktivitäten, ihre Mitglieder organisieren auch Zusammenkünfte für Spanier. So fand im Juni 1987 an der Gesamtschule Köln-Rodenkirschen das Landeskulturfest der spanischen Elternvereine in Nordrhein-Westfalen statt, an dessen Organisation die spanische Mission maßgeblich beteiligt war. Insgesamt traten dort 15 Folkloretanzgruppen aus NRW und dem angrenzenden Belgien auf. Einen Ausschnitt stelle ich Ihnen hier auf Video vor. Als erstes präsentiert die Kölner Gruppe Tabel den "Fandango de Cortes de Pallas" aus Valencia. Danach sehen Sie von der Kindergruppe der spanischen Mission in Köln den "Danza de St. Juan", ein sehr alter Tanz aus Momeo in Kastilien, der dort bei der Prozession zu St. Juan am 24. Juni getanzt wird. Zum Schluß tanzt die Gruppe von "Las Cantigas" einen "Triangolo" aus Extremadura. Der Name "Triangolo" - zu deutsch: Dreieck - deutet auf die Formation hin, bei der immer ein Mann mit zwei Frauen tanzt.

Meine Ausführungen konnten sich nur auf die Beschreibung eines kleinen Teils der ausländischen Musikkultur in der Stadt Köln beschränken. Ich hoffe, daß dennoch erkennbar wurde, was für eine blühende und eigenständige Kultur sich in den zwei letzten Jahrzehnten hier entwickelt hat.

"Arbeiter wurden gerufen - aber es kamen Menschen". Dieses inzwischen schon geflügelte Wort von Max Frisch beschreibt sehr gut die Situation, in der wir uns in Deutschland befinden. Es bedeutet, wenn wir uns auf einen Dialog mit unseren ausländischen Nachbarn einlassen, für uns die Chance, andere Kulturen im eigenen Land kennenzulernen und damit unser Alltagsleben zu bereichern. Es stellt uns aber auch vor die Aufgabe, Ausländer mit ihrer Kultur als Nachbarn zu akzeptieren und zu unterstützen. Hier sehe ich eine Möglichkeit für Volkskundler und Musikethnologen, mit den Ausländern in Kontakt zu treten, um ihre Kultur zu erforschen und zu fördern.

Einen ersten Schritt in diese Richtung verfolgt das Institut für Musikalische Volkskunde in Köln mit der heute Abend stattfindenden Veranstaltung von drei ausländischen Tanzgruppen, zu der ich Sie herzlich einladen möchte.