AG Inklusion

(Sprecher: Prof. Dr. Thomas Hennemann)

 

 Die deutschlandweite Umsetzung von Inklusion stellt eine der umfangreichsten Schulreformen der letzten Jahrzehnte dar und wird derzeit so kontrovers diskutiert, wie kaum ein anderes schulpolitisches Thema (Grosche, 2015). Seit der Ratifizierung der Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (Vereinte Nationen, 2006) stellt die Ermöglichung der Teilhabe aller Schüler*innen (SuS) an allgemeiner Bildung durch den Aufbau inklusiver Bildungssysteme einen zentralen bildungspolitischen Auftrag dar (Bundesministerium für Arbeit und Soziales, 2011a; 2011b; Degener & Diehl, 2015). Diesem Auftrag folgend verändert sich zunehmend die Organisationsstruktur des deutschen Schulsystems, z.B. durch die teilweise Auflösung separierender Systeme (z. B. Förderschulen) und den Aufbau inklusiver Settings. Dies führt zu einer Zunahme der gemeinsamen Beschulung von Schüler*innen mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf (SFB; Klemm, 2015). Diese Umstrukturierung des deutschen Schulsystems führt zu veränderten Aufgabenprofilen von Lehrkräften, die insbesondere die zunehmende Integration allgemein- und sonderpädagogischer Expertise betreffen (Kultusministerkonferenz, 2011; Melzer & Hillenbrand, 2015). Moser und Kolleg*innen (2011) sprechen in diesem Zusammenhang von einer „Neujustierung sonderpädagogischer Professionalität für inklusive Settings“ (Moser et al., 2011, S. 143) und auch für Lehrkräfte der allgemeinen Schule geht die Umsetzung von Inklusion mit einer Weiterentwicklung des Professionsverständnisses einher. Da nicht alle Lehrkräfte gleichermaßen auf die Bewältigung dieser Aufgaben vorbereitet sind, entsteht aus dieser Neu-Justierung ein Bedarf an Professionalisierung für inklusive Bildung, der idealerweise bereits in der 1. Ausbildungsphase beginnt. Auch Lehrkräfte in inklusiven Settings müssen demnach Kompetenzen zur Bewältigung der entsprechenden Anforderungen in den neuen Aufgabenbereichen erwerben, während sonderpädagogische Lehrkräfte ihre förderschulspezifischen Kompetenzen so adaptieren müssen, dass sie in ein neues Setting unter veränderten Bedingungen transferierbar sind. Eine Möglichkeit, Lehrkräfte, die in inklusiven Settings arbeiten, in den genannten Aufgabenbereichen zu qualifizieren und somit auf die neuen Anforderungen besser vorzubereiten, sind prozessbegleitende, zielgruppenspezifische Fortbildungen für inklusive Bildung (Leko & Roberts, 2014). Damit stellen sie eine wichtige Gelingensbedingung für die professionelle und wirksame Gestaltung inklusiver Bildung für alle Lernenden dar (Jordan, Schwartz & McGhie-Richmond, 2009). Bislang fehlt es im deutschsprachigen Raum jedoch an positiv evaluierten Fortbildungsprogrammen, die unter Rückgriff auf sonderpädagogische, bildungswissenschaftliche und fachdidaktische Inhalte die Lehrkräfte in Bezug auf die Umsetzung von Inklusion professionalisieren. Die Projekte der AG bearbeiten eben diese Desiderate im Rahmen landes- bzw. kreisweiter, schulbezogener oder auch universitätsweiter Projekte. Darüber hinaus bieten insbesondere mehrstufige Förderkonzepte, wie der Response-to-intervention-Ansatz oder der School-wide-positive-behavior-support-Ansatz weitgehend von Schulen ungenutzte Entwicklungspotentiale, insbesondere im professionellen Umgang mit herausforderndem Lernverhalten von Schüler*innen.

 

In der AG Inklusion befinden sich folgende Forschungsprojekte:


PARTI – „Partizipation und Anerkennung in Response-To-Intervention“

Überspitzt formuliert sind Inklusionsmodelle entweder teilhabeorientiertoder evidenzbasiert, aber nicht beides gleichzeitig. Kritik entzündet sich insbesondere am evidenzbasierten Stufenmodell response-to-intervention (RTI), da RTI durch die strikte Trennung von Grundschul- und Sonderpädagogik zu einer Abgabe der Verantwortung für Schüler*innen mit Behinderung führe und somit deren Teilhabe am Unterricht riskiere. Mit dem Projekt PARTI wird ein teilhabeorientiertesT-RTI-Modell vorgelegt, in dem Lehrkräfte beider Professionen ihren Unterricht gleichzeitig teilhabeorientiert und evidenzbasiert planen unddurchführen. In einem quasiexperimentellen Design mit einer unbehandelten Wartekontrollgruppe werden grundschul- und sonderpädagogische Lehrkräfte fortgebildet. Es wird erwartet, dass fortgebildete Lehrkräfte ihre jeweilige Expertise zunehmend aufeinander beziehen, dadurch inklusionspädagogisches Wissen und Handeln besser entwickeln und dies langfristig zu positiven Effekten auf Schüler*innenebene führt.

Projektteam:

Bergische Universität Wuppertal: Prof. Dr. Michael Grosche (Verbundleitung, Standortverantwortlicher), Prof. Dr. Christian Huber, Prof.‘in Dr.‘in Kathrin Fussangel, Prof.‘in Dr.‘in Cornelia Gräsel, Prof. Dr. Friedrich Linderkamp, Markus Spilles

Universität zu Köln: Prof. Dr. Johannes König (Standortverantwortlicher), Prof. Dr. Thomas Hennemann, Jun.-Prof. Dr. Dr. habil. Kai Kaspar, Prof.‘in Dr.‘in Conny Melzer, Prof. Dr. Christian Rietz, Dr.‘in Sarah Strauß, Katharina Neroznikova, Gino Casale & Johanna Krull

Projektdauer: März 2018 - Februar 2021

Weiterführende Links:

Homepage des BMBF
Projektseite beim BMBF

  

Entwicklung und Evaluation eines Verknüpfungsmodells von Diagnostik und Förderung für das Lern- und Sozialverhalten von Schülerinnen und Schülern

Die systematische Verknüpfung von Diagnostik und Förderung hat einen positiven Einfluss auf die Wirksamkeit schulischer Förderung und kann somit einen wesentlichen Beitrag zur Prävention von Verhaltensstörungen leisten (z.B. Grosche & Volpe, 2013; Huber & Grosche, 2012; Volpe, Briesch & Chafouleas, 2013). Im deutschsprachigen Raum ist eine solche systematische Verknüpfung, die sich etwa durch die Anwendung universeller Verhaltensscreenings oder die Überprüfung konkreter Fördermaßnahmen durch Verhaltensfortschrittsdiagnostik auszeichnet, allerdings noch ausbaufähig (z.B. Casale & Hennemann, 2015; Grosche, Hennemann, Volpe & Casale, 2015). In einem internationalen Forschungsprojekt der Universitäten Köln und Wuppertal sowie der Northeastern University in Boston, MA (USA) wird ein Modell zur systematischen Verknüpfung von Diagnostik und Förderung für den deutschsprachigen Raum entwickelt und evaluiert. Ausgehend von einer universellen Diagnostik mittels Verhaltensscreenings werden schulische evidenzbasierte Verhaltensfördermaßnahmen, wie z.B. das KlasseKinderSpiel (Hillenbrand & Pütz, 2008), implementiert und deren Wirksamkeit im Einzelfall mittels Verhaltensverlaufsdiagnostik evaluiert. Um das Modell in Bezug auf eine erfolgreiche Implementation zu optimieren, sollen in den Prozess der (Weiter-)Entwicklung alle beteiligten Akteure (z.B. Lehrkräfte, Schulleitungen) einbezogen werden (Hagermoser Sanetti & Kratochwill, 2009).

Projektleitung:

Dr. Gino Casale (Universität zu Köln)
Prof. Dr. Thomas Hennemann (Universität zu Köln)
Prof. Dr. Michael Grosche (Bergische Universität Wuppertal)
Prof. Dr. Robert J. Volpe (Northeastern University, Boston, USA)
Prof. Dr. Amy M. Briesch (Northeastern University, Boston, USA)

Projektdauer: 2014-2020

Bisherige projektbezogene Förderungen:

Society for the Study of School Psychology (SSSP)/ International School Psychology Association (ISPA): International Research Grant (Principal Investigator: Prof. Dr. Michael Grosche)
Jacobs Foundation: Marbach Residence Program (PI: Prof. Dr. Robert J. Volpe)
Heilpädagogische Akademie: Projektförderung innovativer Forschungsprojekte


Unterstützung von Grundschulen auf dem Weg zu einem inklusiven System - Didaktik und Methodik in herausfordernden Lehr-Lernsituationen

Die Universität zu Köln begleitet über einen Zeitraum von 1 ½ Jahren zwei Schulen aus der Bezirksregierung Köln auf dem Weg zum inklusiven System. Vorrangiges Ziel ist der systematische Aufbau von Handlungskompetenzen der Lehrkräfte und der pädagogischen Fachkräfte im inklusiven Kontext. Im Fokus des gesamten Projekts steht die Erarbeitung konkreter didaktisch-methodischer Maßnahmen für die Schule auf der Basis der Analyse der Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler und der konkreten Situation vor Ort.
Die Studie fokussiert zum einen die Frage der Machbarkeit, zum anderen die Frage der Wirksamkeit. Im Rahmen einer formativen und summativen Evaluation werden Wirkungen auf Seiten der Lehrkräfte sowie der Schülerinnen und Schüler ebenso in den Blick genommen wie die Analyse der Einflussfaktoren im Kontext der Implementationsqualität. Von Seiten der Universität zu Köln werden insgesamt neun Fortbildungsmodule angeboten, an denen das Kollegium und weitere pädagogische Fachkräfte der Schule teilnehmen. Die Module beschäftigen sich mit den Themenschwerpunkten „Teamentwicklung/Unterrichtsplanung im Team", „Classroom Management in herausfordernden Lehr-Lernsituationen im (Fach-)Unterricht", „Lernvoraussetzungen als Basis der Unterrichtsplanung entwicklungs- und fachbezogen erheben" und „Unterrichtsplanung durch die Verknüpfung von Fach- und Entwicklungsebene konsequent inklusiv gestalten".

Weitere Informationen finden Sie hier.

Projektteam: Univ.-Prof. Dr. Thomas Hennemann, Univ.-Prof. Dr. Matthias Grünke
In Kooperation mit Univ.-Prof. Dr. Johannes König

Hauptmoderatoren: Sol. i. H. Tatjana Leidig und Dr. Tobias Hagen

Projektdauer: 1 1/2 Jahre

Drittmittelprojekt des Ministeriums für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen