Professur Kleinau

Nation und Geschlecht

Historische Bildungsforschung

 

Projektskizze

Im Zeitraum zwischen 1870 und 1914 zog es viele deutsche Lehrerinnen und Erzieherinnen für kürzere oder längere Zeit in das europäische und außereuropäische Ausland. Die Gründe und Motive für diese Auslandsaufenthalte waren vielfältig: Als Privatlehrerinnen, Gouvernanten oder »Gesellschaftsdamen« begleiteten sie etwa die Familien ihrer Arbeitgeber bei Berufs- und Vergnügungsreisen. Viele Lehrerinnen bereisten nach ihrer seminaristischen Ausbildung vor allem das französisch- und englischsprachige Ausland, um ihre Fremdsprachenkenntnisse zu verbessern oder um hier eine erste Anstellung als Alternative zum oftmals überfüllten heimischen Arbeitsmarkt zu suchen. Aber auch berufsfremde Motive wie Abenteuerlust und Urlaubsreisen führten viele Lehrerinnen in die Ferne. Speziell auf diese Berufsgruppe hin ausgerichtete Netzwerke im Ausland, bestehend aus Stellenvermittlungen, Lehrerinnenheimen, kirchlichen Anlaufstellen, Pensionen, Sprachkursen u.a., unterstützten die in der Regel allein reisenden jungen Frauen bei ihren Unternehmungen. Gemeinsam ist den reisenden Lehrerinnen und Erzieherinnen, dass sie im Ausland mit ihnen fremden Kulturen in Kontakt kamen und berufsbedingt weit reichende Einblicke in die »Fremde« gewannen -- vor allem in fremdes Alltags- und Familienleben, aber auch in ausländische Erziehungs-, Bildungs- und Kultureinrichtungen. Von ihren im Ausland erworbenen Kompetenzen erhofften sich die jungen Frauen erhöhte Chancen auf eine Anstellung im deutschen öffentlichen Schulwesen.

In unserem Forschungsprojekt »Nation und Geschlecht« untersuchen wir autobiographische Zeugnisse deutscher Lehrerinnen, die sich zur Zeit des Kaiserreichs zeitweise im Ausland aufhielten und die ihre Erfahrungen rückblickend in Zeitungsartikeln, Reiseberichten, Vorträgen, Tagebüchern und Lebenserinnerungen thematisierten. Ausgehend von der Erkenntnis, dass in der Konfrontation mit dem »Fremden« der Blick auf »Eigenes« und »Vertrautes« gelenkt wird, gehen wir einerseits von der Hypothese aus, dass die Auslandsaufenthalte nicht etwa zu einem förderlichen Kulturaustausch, zu einem Abbau von Vorurteilen und stereotypen Fremdeinschätzungen führten, sondern dass der Kontakt mit dem »Fremden« eher eine Festigung der nationalen Identität reisender Lehrerinnen bewirkte. Andererseits eigneten sich die Lehrerinnen im Ausland die fremde Kultur aktiv an -- durch Sprach- und Literaturstudien, Schulhospitationen, durch ihre Teilhabe am kulturellen Leben und an geselliger Konversation, durch Reisebeobachtungen, Alltagsstudien etc. Zudem fungierten sie in mehrfacher Hinsicht als Kulturvermittlerinnen -- indem sie etwa ausländische Kinder in deutscher Sprache unterrichteten oder pädagogische Ideen aus Deutschland ins Ausland zu transferieren suchten. Die Kulturvermittlung der Lehrerinnen erfolgte auch in Richtung Heimatland: Mitunter ausführlich berichteten sie in Fachzeitschriften über Fortbildungsmöglichkeiten im Ausland oder über innovative Ansätze im ausländischen Bildungswesen. Ein Ziel der Auslandsstudien war es letztlich, nach der Rückkehr in Deutschland Schülerinnen und Schüler in eine fremde Sprache, Geschichte und Literatur, in fremde Sitten und Gebräuche einzuführen. Aus diesen Kontexten heraus ergibt sich die Frage, wie sich fremdkulturelle Aneignungs- und Vermittlungsprozesse auf der Folie nationalkultureller Vorstellungen und Prägungen vollziehen.

Laufzeit: 01.09.2004 bis 31.08.2008 

 

Publikationen

  •     Kleinau, Elke: »Warum in die Ferne schweifen?« Deutsche Lehrerinnen auf dem (ausser)europäischen Arbeitsmarkt um 1900, in: Geschlecht und Wissen. Beiträge der 10. Schweizerischen Historikerinnentagung 2000. Hrsg. von Catherine Bosshart-Pfluger, Dominique Grisard, Christina Späti, Zürich 2004, S. 93-108.

        Kleinau, Elke: In Europa und der Welt unterwegs. Konstruktionen nationaler Identität in Autobiographien deutscher Lehrerinnen an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, in: Bea Lundt, Michael Salewski in Zusammenarbeit mit Heiner Timmermann (Hg.): Frauen in Europa. Mythos und Realität. (Schriftenreihe der Europäischen Akademie Otzenhausen, Bd. 129), Münster 2005, S. 157-172.

        Gippert, Wolfgang: Nation und Geschlecht. In: Andresen, S./ Rendtorff, B.(Hg.): Geschlechtertypisierungen im Kontext von Familie und Schule (Jahrbuch Frauen- und Geschlechterforschung in der Erziehungswissenschaft 2). Opladen 2006, S. 91-103.

        Gippert, Wolfgang/ Kleinau, Elke: Interkultureller Transfer oder Befremdung in der Fremde? Deutsche Lehrerinnen im viktorianischen England, in: Zeitschrift für Pädagogik, Jg. 52, Heft 3 (2006), S. 338-349.

        Gippert, Wolfgang/ Kleinau, Elke: Als Lehrerin in Deutsch-Südwest. Der koloniale Blick auf das »Fremde« in Berufsbiographien von Lehrerinnen, in: Anne Schlüter (Hg.): Bildungs- und Karrierewege von Frauen. Wissen -- Erfahrungen -- biographisches Lernen. (Frauen- und Genderforschung in der Erziehungswissenschaft, Bd. 2), Opladen 2006, S. 168-182.

        Gippert, Wolfgang: Ambivalenter Kulturtransfer. Deutsche Lehrerinnen in Paris 1880 bis 1914. In: Historische Mitteilungen. Im Auftrage der Ranke-Gesellschaft hrsg. von Jürgen Elvert und Michael Salewski. Bd. 19 / 2006, S. 105-133

        Elke Kleinau: Kulturtransfer oder allein unter ‚Fremden‘? Eine deutsche Lehrerin in Chile, in: Historische Mitteilungen 22 (2009), S. 271-287.

        Klasse, Nation und „Rasse“ – Intersektionelle Perspektiven in der genderorientierten Historischen Bildungsforschung, in: Der pädagogische Blick. Zeitschrift für Wissenschaft und Praxis in pädagogischen Berufen, 18 (2010) 2, S. 68-81.

        Begegnungen mit ‚Anderen‘. Konstruktionen von Kultur und Nation in Autobiographien deutscher Lehrerinnen, in: Attila Nóbik, Béla Pukánszky (Hrsg.): Normalität, Abnormalität und Devianz. Gesellschaftliche Konstruktionsprozesse und ihre Umwälzungen in der Moderne. (Erziehung in Wissenschaft und Praxis, Bd. 7), Frankfurt a.M., Berlin u.a. 2010, S. 139-153.  

        „Man könnte vergessen, daß man nicht in England ist.“ – Reise einer deutschen Erzieherin durch das Britische Empire, in: Marcel Klaas, Alexandra Flügel, Rebecca Hoffmann, Bernadette Bernasconi (Hrsg.): Kinderkultur(en). Wiesbaden 2011, S. 293-309.

        Elke Kleinau: Konstruktionen von Heimat und Fremde in autobiografischen Zeugnissen deutscher Lehrerinnen, in: Elke Kleinau, Barbara Rendtorff (Hrsg.): Eigen und anders – Beiträge aus der Geschlechterforschung und der psychoanalytischen Pädagogik. (Schriftenreihe der Sektion Frauen- und Geschlechterforschung in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, Bd. 2), Opladen, Berlin, Toronto 2012, S. 51-64.

        Sprache im Kontext von Heimat und Fremde. Briefe einer deutschen Migrantin aus Brasilien, in: Hans-Joachim Roth, Henrike Terhart, Charis Anastasopoulos (Hrsg.): Sprache und Sprechen im Kontext von Migration. Worüber man sprechen kann und worüber man (nicht) sprechen soll, Wiesbaden 2013, S. 103-118.

        Elke Kleinau: Homeland and Longing for Home in the Autobiographies of Female German Schoolteachers, in: IJHE. Bildungsgeschichte. International Journal for the Historiography of Education 2 (2013), S. 172-186.

        „Ich glaube, ich bin wirklich eine ganz miserable Lehrerin!“ Pädagogische Szenen aus dem Alltag einer deutschen Lehrerin in Brasilien, in: Klemens Ketelhut, Dayana Lau (Hrsg.): Erziehungsgeschichte/n. Kindheiten – Selbstzeugnisse – Reflexionen. (Beiträge zur Historischen Bildungsforschung, Bd. 43), Köln, Weimar, Wien 2014, S. 103-117.  

  • Wolfgang Gippert, Elke Kleinau: Bildungsreisende und Arbeitsmigrantinnen. Auslanderfahrungen deutscher Lehrerinnen zwischen nationaler und internationaler Orientierung (1850-1920). (Beiträge zur Historischen Bildungsforschung, Bd. 46), Köln, Weimar, Wien 2014.

  •     Cultural Transfer or Alone among ‘Strangers’? A German Female Teacher in Chile, in: Ulla Kriebernegg, Roberta Maierhofer, Hermine Penz (Ed.): Cultural Encounters in Education, Wien, Berlin, Zürich o.J. [2015], S. 171-187.